Mittwoch, den 31. August 2011 um 12:29 Uhr

Du, Dein Kind und sein Haareausreißen

Bewerten Sie diesen Artikel
(3 Bewertungen)

Ein Artikel von Fred Penzel, Ph.D.

Als klinischer Psychologe und Elternteil eines Kindes mit speziellen Bedürfnissen erkenne ich endlich, wie einfach es ist, sich zurückzulehnen und anderen Menschen einen Rat zu erteilen, wenn es darum geht, objektiv mit den Problemen der eigenen Kinder umzugehen. Dennoch habe ich die vergangenen zwei Jahre damit verbracht, mit den Schwierigkeiten meines kleinen Jungen umzugehen und sie akzeptieren zu lernen. Ich habe dadurch vielleicht ein paar gute Einblicke bekommen, die ich mit Dir teilen möchte, gerade auch in Bezug auf das Akzeptieren, um einige Dinge wieder in den Griff zu bekommen.

 

Ich könnte damit anfangen, Dir zu sagen, dass Du Dich nicht allzu sehr über das Reißen aufregen solltest. Aber das werde ich nicht. Ich verstehe, dass man sich natürlich darüber aufregen wird, wenn das eigene Kind unkontrollierbar Dinge tut, die andere Kinder nicht tun, insbesondere, wenn man das noch nie vorher gesehen hat. Dies ist Teil des Beschützerinstinktes von Eltern. Und überhaupt: wenn Dich so etwas nicht besorgen würde, was würde dich sonst motivieren können, überhaupt etwas deswegen zu unternehmen? Als Psychologe muss ich einen Schritt zurück machen und beobachten. Als Vater fühle ich einen sehr starken, einzigartigen Schmerz wenn ich mit solchen Dingen konfrontiert werde.

 

Besorgt sein, sich aufregen und dies dann zuzugeben ist der erste Schritt, auch, wenn es unangenehm ist. Zum Glück ist dies ein Schritt, den man später hinter sich lassen wird. Du erreichst das, indem Du die Gefühle anerkennst, die diesen Schritt begleiten. Diese Gefühle müssen mit anderen, die Dir nahestehen, besprochen werden. Das Ziel ist, diese Gefühle als natürlich zu akzeptieren, genauso wie die Tatsache, dass das Problem Deines Kindes tatsächlich real existiert. Es wird nicht einfach von alleine verschwinden. Als ich das erste Mal anderen Leuten von meinem Sohn erzählte, merkte ich, wie unfähig ich war, darüber zu sprechen, ohne das Gefühl zu haben, weinen zu müssen. Also redete ich und weinte. Mit der Zeit spüre ich immer mehr, dass ich mit immer weniger Schmerz darüber sprechen kann, auch wenn es immer noch einen Platz tief drinnen in mir gibt, wo es immer noch Schmerz gibt. Ich nehme an, das ist, was Akzeptanz bedeutet.

 

An diesem Punkt des Akzeptierens gibt es einen Schritt, den Du besser vermeidest. Gib Dir keine Schuld oder verschwende Deine Zeit damit, herausfinden zu wollen, was Du falsch gemacht hast. Die neusten Studien ergeben, dass Trichotillomanie wahrscheinlich eine biologische Ursache hat und dass Du es nicht verursacht hast. Im Fall meines eigenen Kindes hatten wir Glück in dieser Sache, weil die alten psychoanalytischen Theorien, die den Eltern einen Großteil der Schuld zugeschoben hatten, vor einigen Jahren schon widerlegt wurden. Und trotzdem erwische ich mich in so manchem unlogischen Moment dabei, wie ich hin- und herüberlege - dieses Denken ist alles andere als hilfreich.

 

Als Elternteil und Psychologe schlage ich vor, dass Du das Reißen Deines Kindes nicht als ein beschämendes und ekelerregendes Geheimnis behandeln solltest, weil das sonst bis in alle Ewigkeit einen Schatten über Eure Familie legen wird, und auch andere dazu veranlassen wird, sich mit Schrecken und Ekel vor Deinem Kind zurückzuziehen. Zunächst einmal reden wir hier immerhin von Deinem geliebten Kind, nicht von jemandem, für den man sich schämen oder sich ständig entschuldigen sollte. Dein Kind wurde dir so gegeben. Außerdem könnte dies extrem selbstsüchtig sein – Dir nur darüber Sorgen zu machen, was andere von Dir wegen des Problems Deines Kindes denken könnten. Du kannst sowieso nicht kontrollieren, was andere denken. Mein Rat ist, Dich selbst daran zu erinnern, dass jeder, der Dein Kind wegen der Trich ablehnt, sowieso nicht gerade eine Person ist, deren Meinung Du irgendwie schätzen müsstest. Ich erzähle Leuten gerne, dass mein Sohn mein perfektes Kind ist. Dein Kind ist eine vollwertige Person für sich selbst, mit allen Stärken und Schwächen anderer Menschen, und nicht nur eine Ansammlung von Haaren, Augenbrauen und Wimpern.  Um es mit den Worten von Patricia Perkins-Doyle zu sagen, Präsidentin der OC Foundation: „Dein Kind ist eine Person, die zufällig auch Trich hat.“ Dein Kind ist eine vollwertige Person für sich selbst, mit allen Stärken und Schwächen anderer Menschen, und nicht nur eine Ansammlung von Haaren, Augenbrauen und Wimpern.

 

Das Thema der Behandlung bringt eine Reihe anderer Realitäten auf den Tisch. Zunächst musst Du akzeptieren, dass Du sehr wahrscheinlich Dein Kind behandeln lassen musst. Trich ist nicht grundsätzlich chronisch. Das heißt, während Dein Kind zwar mit dem Reißen aufhören kann, ist es gleichzeitig nicht unbedingt „geheilt“. Es bedeutet außerdem, dass Dein Kind wahrscheinlich eine Therapie braucht, um das Reißen lebenslang unter Kontrolle zu bringen. Wenn Du jetzt denkst, dass Du Dein Kind am besten zu einem Profi bringen solltest, dann lautet die Antwort grundsätzlich ja. Geh dahin, wo es Hilfe gibt. Wenn Du Dir Sorgen machst, was andere denken, lässt Du diese Leute Dein Leben leben.

 

Du wirst mit dem Tag der „offiziellen Diagnose“ durch den Arzt/Therapeuten klarkommen müssen. Als Psychologe gebe ich mehrmals in der Woche Diagnosen, aber auf der andere Seite zu stehen ist eine andere Geschichte. Es ist genau das, was Du nicht hören willst. Wenn das Problem plötzlich einen Namen hat, wird es auf einmal ganz real. Als mein Sohn seine Diagnose bekam, war ich mir sicher, dass alle Therapeuten und Ärzte falsch lagen, und ich war sehr wütend auf sie. Ich leugnete noch immer. Ich dachte, wie können sie mir nur sagen, dass mein Kind ein ernsthaftes Problem hat? Vielleicht musst Du die gleiche Diagnose von verschiedenen Fachleuten hören, genau wie ich. Am Ende war ich praktisch umzingelt, und musste mich ergeben. Ich akzeptierte es, wenn auch widerwillig.

 

Die Behandlung für junge Leute mit Trichotillomanie besteht für gewöhnlich aus einem guten Verhaltenstherapie-Programm. Manche Leute denken, dass Verhaltenstherapie strikt und kalt abläuft, und sich nicht auf emotionale Vorgänge konzentriert. Das stimmt aber ganz und gar nicht. Als Therapie kann sie nicht funktionieren, wenn Dein Kind und sein Therapeut keine warme, freundliche Beziehung haben. Mein eigenes Kind bekommt fast 8 Stunden Verhaltenstherapie täglich, geht gerne hin und geht sehr liebevoll mit seinem Therapeuten um. Als Psychologe weiß ich, dass ich die gute Beziehung zu meinen Patienten sehr schätze. Wir machen nicht nur Verhaltenstherapie, sondern wir verbringen auch einen Teil der Sitzung damit, uns mit dem Leben des Patienten zu beschäftigen. Und übrigens diskutieren wir sehr wohl auch Gefühle, auch wenn viele das Gegenteil behaupten.

 

Die Art der Verhaltenstherapie, die ich bevorzuge, nennt sich Habit Reversal Training Plus (HRT+). Dies besteht aus zwei Teilen – HRT und Stimulus Control (SC). Keine Behandlung für Trich wurde bisher ausreichend erforscht, aber HRT wurde immerhin schon mehr untersucht als andere Therapieformen und hat mehr positive Ergebnisse erzielt. Ich nutze HRT zur Behandlung von Trich seit 1982 und meine persönliche Beobachtung ist, dass es sowohl mit Erwachsenen als auch mit Kindern sehr gut funktioniert. Obwohl es an sich eine gute Technik ist, kombiniere ich sie gerne mit SC, da Trich eine sehr komplexe Störung mit vielen Facetten ist, die eine umfassende Behandlung erfordert. SC rundet die Behandlung dahingehend ab.

 

HRT selbst ist keine einfache Art von Therapie. Sie verlangt viel Zeit und Mühe, und ist am besten für Kinder über 10 Jahre geeignet. Ein gute Beschreibung dieser Therapie wurde vor einiger Zeit in InTouch veröffentlicht, daher werde ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen. Im Grunde genommen lernen Patienten, sich zu entspannen, aus dem Bauch heraus zu atmen, und erlernen eine Technik der Muskelanspannung mit ihren Händen und Unterarmen, wenn sie den Impuls zum Reißen spüren. Man braucht nicht viel Zeit, um diese Techniken zu erlernen, aber viele Wochen, um sie zu perfektionieren. Tägliches Üben hilft dabei, dass HRT so automatisch wird wie das Haareausreißen selbst. Irgendwann wird die HRT dann die harmlose Alternative. Die Entspannung und die Atemübungen helfen, sich zu konzentrieren und beruhigen das Nervensystem und ersetzen damit den Effekt, den Trich zur Beruhigung hat. Die Muskelanspannung macht es unmöglich, sich gleichzeitig Haare auszureißen. Zusammengenommen bricht dieser Ansatz das Verhaltensmuster auf, das zu Reißen führen kann und bietet eine Ersatzhandlung. Der Therapeut ist neben dem HRT-Ausbilder auch ein sehr wertvoller Coach und jemand, dessen Anerkennung Dein Kind sich hoffentlich im Laufe der Zeit erarbeiten will.

 

Für sehr viel jüngere Kinder könnte HRT ein wenig zu viel Arbeit sein, bei fehlenden direkten Ergebnissen. Es kann schwer sein, dem Kind die Vorgehensweise und die Wichtigkeit zu erklären. Es ist wahrscheinlich besser, jüngeren Kindern einfachere Aufgaben zu geben. Ich empfehle für gewöhnlich, dem Kind eine sensorische Stimulation in Form eines Koosh-Balls, eines Schaumstoffballs, eines kleinen Spielzeugs mit einer interessanten Struktur oder ein wenig Hüpfknete/normaler Knete zum Spielen und Drücken zu geben, wenn das Kind reißen will. Es kann auch helfen, wenn man dem Kind mit seiner Motivation hilft, indem man ein Belohnungssystem benutzt. Als Gegenleistung für einen Tag oder eine Woche ohne Reißen (je nachdem wie alt das Kind ist) kann sich das Kind etwas aus einer Liste aussuchen, kleine Preise oder bestimmte Aktivitäten, die sich das Kind gewünscht hat, oder Privilegien, bei deren Auswahl das Kind den Eltern geholfen hat. Ich finde, das funktioniert am besten, auch wenn nichts zu jedem Zeitpunkt perfekt funktioniert.

 

Wie ich bereits erwähnte, reicht HRT leider nicht aus, um dem Problem alleine Herr zu werden, daher wenden wir zusätzlich SC an. Dies ist eine Gruppe von Techniken, die dem Kind helfen sollen, zunächst die Faktoren vor und beim Reißen zu identifizieren, dann sie zu eliminieren, sie zu meiden oder bestimmte Aktivitäten zu verändern, auch Faktoren in der Umwelt des Kindes, emotionale Zustände oder andere Umstände, die das Reißen auslösen. Das Ziel ist dann, neue erlernte Zusammenhänge zu erschaffen zwischen dem Drang zu reißen und neuen, nicht-destruktiven Verhaltensweisen. SC ist extrem wichtig und entscheidend für den Erfolg bei der Behandlung von Trichotillomanie. Das Kind führt ein Tagebuch, in das es die Reiß-Episoden einträgt, manchmal auch mit der Hilfe der Eltern. Diese Information wird jedes Mal mit zur Therapiesitzung genommen, um dort dann an den Auslösern, den Triggern der Trich arbeiten zu können und sie zu verändern.

 

Lass uns kurz über Motivation sprechen. In einer idealen Welt würden alle Kinder 100% kooperativ sein und direkt an die Arbeit gehen. Es stimmt zwar, dass viele Kinder wirklich aufhören wollen mit dem Reißen, aber es ist wichtig, anzuerkennen, dass Trichotillomanie ein sehr hartnäckiges Problem ist und Dein Kind permanent in zwei Richtungen gezogen wird. Auf der einen Seite wollen die Kinder auf jeden Fall, dass dieses Verhalten aufhört, das ihnen nur ungewollte Aufmerksamkeit zuteil werden lässt, andererseits aber kann TTM sehr angenehm und beruhigend für ein überstimuliertes Nervensystem sein, wenn Stress da ist; es kann aber auch Stimulation bieten, wenn dieses Nervensystem auf andere Weise gestresst ist, durch Langeweile oder Inaktivität etwa. Es kann sogar eine Konzentrationshilfe bei den Hausaufgaben sein! Trich ist mobil, und immer verfügbar für den Reißenden. Manchmal braucht es nicht einmal eine besondere Aufmerksamkeit von Seiten des Reißenden, um ausgeführt zu werden. Es passiert einfach automatisch, fast wie Atmen oder Blinzeln.

 

Vielleicht willst Du auch nicht hören, dass nicht jedes Kind motiviert ist, aufzuhören, egal wie schlimm es aussieht. Das trifft insbesondere auf kleine Kinder zu. Die meisten Kleinkinder haben noch nicht viel soziales Bewusstsein entwickelt, noch haben sie bisher Gruppenzwang erfahren, so zu sein, wie alle anderen. Es ist völlig egal, wie sehr Du willst, dass Dein Kind sich ändert, wenn sie nicht motiviert sind, wird nichts passieren. Drohungen und Bestrafung sind definitiv aussichtslose Absichten und sollten auf alle Fälle, um jeden Preis vermieden werden. Diese negativen Ansätze könnten sogar den umgekehrten Effekt haben, die Kinder zu mehr Reißen zu bringen, da mehr Stress und Druck sie zu dem selbstberuhigenden Effekt von Trich zwingen. So ein Verhalten könnte auch dazu führen, dass das Kind von nun an heimlich reißt. Zusätzlich könnte das Ganze in einer Art Willenskampf enden, und das Kind könnte noch mehr Reißen aus Trotz und Wut darüber, wie Du es behandelst. Dein Kind hat nicht darum gebeten, dieses Problem zu haben. Würdest Du es dafür bestrafen wollen, Diabetes zu haben? Dein Kind hat nicht darum gebeten, dieses Problem zu haben. Würdest Du es dafür bestrafen wollen, Diabetes zu haben?

 

Wahrscheinlich musst Du unglücklicherweise akzeptieren, dass Dein Kind einfach noch nicht bereit ist, aufzuhören, aus welchem Grund auch immer. Vielleicht sagt es, dass es nicht bereit ist, oder es kommuniziert dadurch, dass es nur halbherzige Versuche in einer Therapie startet. Du wirst wissen, dass Du weitaus bessere Chancen auf Erfolg hast, wenn Dein Kind zu Euch kommt und sagt „Mama, Papa, bitte helft mir.“ Du kannst nicht mehr wollen als sie. Es wird nichts nützen. Betrachte es doch mal so, es ist nicht tödlich oder gefährlich. Es ist hässlich und verstörend beim Beobachten, aber es gibt sehr viel schlimmere Dinge, die Deinem Kind zustoßen könnten, glaub mir. Wenn wir in einer Gesellschaft lebten, in der jeder seinen Kopf rasieren würde, wäre es noch nicht einmal ein Problem. Dein Kind kann immer noch eines Tages erfolgreich im Kampf gegen Trich sein, wenn es sich dafür entscheidet. Diese Kinder haben nicht aufgehört, Eure wundervollen Kinder zu sein, nur weil ein bisschen ihrer Haare fehlt und sie haben ganz bestimmt nicht ihr Bedürfnis nach Eurer Liebe, Eurem Respekt und Eurer Akzeptanz verloren!

 

Denk bitte daran, nicht zu nörgeln und ständig zu kontrollieren. Es ist ihre Arbeit, sich zu verändern, nicht Deine. Man kann ein einigermaßen motiviertes Kind schnell in einen verärgerten, unmotivierten Verweigerer verwandeln. Es ist nie zu früh für sie, die Fähigkeiten zu erlernen, die sie später einmal brauchen werden, aber sie müssen bereit dafür sein. Versuche, an Dein Kind zu glauben, und auch an sein eigenes Timing. Kinder müssen nicht das wollen, was Du willst. Wenn Du versuchst, sie zu zwingen, wird jeder am Ende einfach nur sauer sein. Ich selbst würde gerne sehen, dass mein Kind sich wie alle anderen verhält, aber ich muss geduldig sein und jeden Tag so nehmen, wie er kommt. Wir alle wollen, dass es unseren Kindern gut geht, dass sie glücklich sind und von anderen akzeptiert werden, und wir würden alle gerne ihre Sorgen für sie tragen, aber das können wir nicht.

 

Ein anderes Thema, das ich hier gerne erwähnen möchte, ist die medikamentöse Therapie als eine Form der Behandlung. Ich persönlich glaube, dass jedes Kind als allererstes eine Chance auf Verhaltenstherapie bekommen sollte, bevor man an Medikamente denkt. Es gibt eine Reihe von Medikamenten, die den Reißimpuls reduzieren können. Dennoch sind sie nicht immer erfolgreich, können störende Nebenwirkungen haben oder manchmal nach Monaten einfach aufhören zu wirken, ohne erkennbaren Grund. Viele Eltern sind sehr besorgt über psychiatrische Medikamente und haben Visionen von ihren Kindern, wie sie sich in verkrüppelte, zugedröhnte Zombies verwandeln. Viele Eltern sind sehr besorgt über psychiatrische Medikamente und haben Visionen von ihren Kindern, wie sie sich in verkrüppelte, zugedröhnte Zombies verwandeln. Medikamente sind zwar nicht perfekt, aber sie haben eine lange Entwicklung hinter sich und sind nicht mehr die starken, manchmal missbräuchlich verwendeten Pillen aus der Vergangenheit. Die neuesten Antidepressiva, die in der Therapie von Trichotillomanie verwendet werden, werden sehr viel besser vertragen, sind sehr sicher und sehr oft auch wirkungsvoll. Mein eigenes Kind braucht vielleicht auch eines Tages Medikamente. Ich hoffe das zwar nicht, aber wenn es ihm helfen würde, seinen Platz im Leben zu finden, werde ich das akzeptieren. Anfangs würde ich vielleicht sehr auf der Hut sein, aber ich würde es nicht fürchten oder es ohne guten Grund ablehnen.

 

Wenn ein Kind gute Fortschritte in der Therapie erzielt hat, es aber dennoch weiterhin starke Impulse verspürt, wird es Zeit, sich Gedanken über Medikamente zu machen. Manche Kinder verweigern vielleicht auch gänzlich die harte Arbeit in einer Verhaltenstherapie , würden aber ohne größere Probleme eine Tablette oder zwei täglich schlucken, ohne zuviel Aufhebens zu machen. Begehe nicht den Fehler, zuviel von den Medikamenten zu versprechen, sonst wirst Du Dein Kind nur enttäuschen. Es gibt nicht „die“ perfekte Droge, nur Medikamente, die für ein bestimmtes Individuum am besten funktionieren. Dein Kind wird vielleicht ein paar Monate lang jedes ausprobierte Medikament nehmen müssen, nacheinander, um ein passendes zu finden. Du und Dein Kind müsst geduldig sein, da es bei den meisten Medikamenten auch wochenlang dauern kann, bis sie anschlagen.

 

Wenn Du ein Medikament findest, das funktioniert, versichere Dich, dass Dein Kind weiterhin in der Verhaltenstherapie arbeitet. Die Pillen können ca. 60-70% der Reißimpulse wegnehmen, aber das Problem kann weiterhin auf einem niedrigeren Level existieren. Verhaltenstherapie kann mit den übrigen Symptomen helfen und Dein Kind wird mehr Erfolg dabei haben, einem verminderten Reißimpuls zu widerstehen. Außerdem bedeutet das Sich-Verlassen auf Medikamente auch, dass man einem Rückfall bessere Chancen gibt, wenn die Medikamente abgesetzt werden. Verhaltenstherapie gibt Deinem Kind eine weitere Verteidigungsmöglichkeit an die Hand.

 

Zuguterletzt, versuche, ein guter Konsument zu sein. Lies alles über die Krankheit Deines Kindes, und lerne alles über effektive Behandlungsmethoden. Ich finde es selbst immer noch schwierig, über die Störung meines Sohnes etwas zu lesen, besonders, wenn ich etwas finde, das nicht sehr optimistisch klingt. Aber ich tue es für ihn. Gute Therapien für Trich sind nicht immer einfach zu finden. Wenn Du also einen Therapeuten suchst, der sich damit auskennt, finde stattdessen jemanden, der sich auf jeden Fall mit Zwängen auskennt und gewillt ist, mehr über Trich zu lernen. Vermeide Therapien, die viel versprechen und wenig halten. Dein Kind wird vielleicht viele nette Gespräche haben, und immer noch Haare verlieren.

 

Allgemein gesprochen, gib weder Dir selbst noch Deinem Kind schuld, sei geduldig und verwechsle nicht die Verantwortlichkeiten. Denke dran, es ist Deine Verantwortung, alles zur Verfügung zu stellen, damit Dein Kind gesund werden kann, und sei da, wenn Dein Kind Dich braucht. Es ist die Verantwortung Deines Kindes, zu lernen, sich selbst zu helfen, wenn sie es wünschen. Denke daran, Dein Kind zu lieben, einfach für die Person, die Dein Kind ist.

 

Ein Artikel von Fred Penzel, Ph.D., Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors

Fred Penzel, Ph.D. ist ein lizensierter Psychologe, der sich seit 1982 für die Behandlung von TTM, Zwängen und verwandten Störungen einsetzt. Er ist Geschäftsführer der Western Suffolk Psychological Services in Huntington, New York, und schreibt regelmäßig für die TLC-Zeitschrift In Touch. Er sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Trichotillomania Learning Centers und der Obsessive-Compulsive Foundation. Sie erreichen ihn per Email unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .

Mehr von Fred Penzel Ph.D. zu Trichotillomanie und Zwänge können Sie in seinem Buch Obsessive-Compulsive Disorders: A Complete Guide to Getting Well and Staying Well erfahren.

Englische Bücher über Trichotillomanie

 

Zuletzt geändert am: Mittwoch, den 31. August 2011 um 13:18 Uhr

1 Kommentar

  • Kommentar Link Peggy Dienstag, den 22. Mai 2012 um 22:16 Uhr Gepostet von Peggy

    Hallo, danke für diese aufklärenden Worte! Ich selber bin 39 Jahre und habe das erste Mal mit 7 Jahren "gerissen" ich weiß auch noch, dass dem ein gewisser Ärger vorausging. Habe 2000 ein Verhaltenstherapie gemacht, die von enormen Erfog gekrönt war, leider durch den Alltag wieder "Lücken" gefunden hat um in alte Muster zu fallen. Schlimm finde ich bis heute das Unverständnis der Eltern als auch das einiger Bekannter. Ein toller Beitrag, der sowohl den Betroffenen als auch den Angehörigen helfen sollte "Verständnis" zu entwickeln und auch die "Schuldfrage" aus dem Raum nimmt. Diesen Beitrag hätte ich mir vor 20 Jahren gewünscht, denn da galt man als "Aussenseiter". Herzliche Grüße!

Einen Kommentar hinterlassen

Bitte die mit (*) markierten Felder ausfüllen. Basic HTML ist erlaubt.

Spenden

Hat dir der Artikel geholfen? Möchtest du etwas zurückgeben? Wir sind für jede Hilfe dankbar :)

Empfohlene Literatur