Effektive Verhaltenstherapie besteht aus einer Konstellation aus Verhaltensbeobachtung, Aufmerksamkeitstraining, Relaxationstraining, Unterbindung des gewohnten Verhaltens und dem Ersetzen der Verhaltensweisen durch alternative Verhaltensweisen. Verhaltenstherapie beinhaltet auch die Belohnung des "richtigen" Verhaltens, also z. B. dafür, dass man das Haareausreissen erfolgreich unterdrückt hat. Die gängigste Methode der Verhaltenstherapie, "Habit reversal" genannt, wurde durch Dr. Nathan Azrin und seine Kollegen im Jahre 1972 entwickelt.
Habit reversal ist im Grunde genommen der Versuch, dass Patienten
- sich ihres "falschen" Verhaltens und den damit zusammenhängenden Situationen und Gedanken bewusst werden und
- ein konkurrierendes Verhalten einüben, welches dann das Haareausreißen ersetzt.
Über die Jahre wurde das Prinzip von Dr. Azrin noch durch andere Programme und Methoden erweitert.
Solch ein Programm ist im Folgenden zusammengefasst.
Sich bewusst machen, was Trichotillomanie alles verhindert
Am Anfang des HRT (Habit Reversal Trainings) listet der Patient die Probleme auf, die das Haareausreißen mit sich bringt und diskutiert sie mit dem Therapeuten. So wird sich auch bewusst gemacht, welchen Gewinn das Aufhören bedeutet, z.B. endlich wieder schwimmen gehen, spazieren gehen bei Wind und Wetter. Dadurch erhöht sich die Motivation, sich der Therapie zu unterziehen, und es lässt einen die positiven Aspekte des Aufhörens sehen.
Aufmerksamkeitstraining
Während der Behandlung zeichnet der Patient jeden seiner Schritte auf, wann er sich Haare ausreißt und jeden starken Impuls zum Reißen. Die Aufzeichnungen enthalten ebenso den Zustand der Gefühle desjenigen, also die Emotionen, die ihn zum Reißen bewegen könnten (Angst, Wut, Depression). Die Intensität wird auf einer Skala von 1 bis 10 gewertet, wobei 1 die schwächste Impulsintensität darstellt. Manchmal werden die Patienten auch gebeten, die ausgerissenen Haare aufzuheben und zu den Aufzeichnungen zu kleben. So kann man auch gleichzeitig den Erfolg aufzeichnen, je nach Menge der Haare. Es kann auch sein, dass die Patienten gebeten werden, ihr Haareausreißen im Spiegel zu anzusehen und die besonderen Verhaltensweisen dabei zu beobachten. Während man sich selbst im Spiegel betrachtet, soll man laut die einzelnen Bewegungen beschreiben, um auf das aufmerksam zu machen, was sonst eventuell nur unbewusst abläuft. Das kann zum Beispiel das Drehen der Haare sein, das Berühren des Gesichts mit den Haaren oder andere ähnliche Verhaltensweisen. Dies wird die Aufmerksamkeit des Patienten nicht nur auf das Haareausreissen selbst lenken, sondern ihn, viel wichtiger, für die speziellen, das Haareausreissen einleitende Verhaltensweisen oder Bewegungen sensibilisieren. Mit dem Therapeuten zusammen lernt der Patient also, die gefährlichen Situationen zu identifizieren und so dann letztendlich auch zu verhindern, solche Situationen wie Fernsehen, lesen, lernen oder Autofahren.
Relaxationstraining
Viele erfahren Nervosität und Angst als eine Ursache ihres Haareausreißens. Diesen Patienten wird empfohlen, bestimmte Entspannungstechniken einzuüben und auf einer regelmäßigen Basis durchzuführen, bestehend aus Atemübungen, Muskelanspannungs- und -entspannungstechniken. Relaxationstherapie-Methoden können entweder vom Therapeuten gelernt werden oder von einem Band.
Das Einüben eines konkurrierenden Verhaltens
Mit der Hilfe des Therapeuten lernt der Patient, die einzelnen Situationen, in denen er reißt, zu visualisieren und dann auch, auf den Impuls mit einem anderen Verhalten zu antworten, so zum Beispiel die Hände zusammenzupressen. Das konkurrierende Verhalten ist dafür da, um dem Patienten die nötige Aufmerksamkeit und die nötige Macht über das ungewollte Haareausreißen zu vermitteln. Manche Patienten finden es effektiv, sich mit einem Gummiband am Handgelenk zu schnipsen, oder einen "Knautschi" oder ein ähnliches elastisches Gummiobjekt in der Hand zu drücken.
Das konkurrierende Verhalten ist dafür da, um dem Patienten die nötige Aufmerksamkeit und die nötige Macht über das ungewollte Haareausreißen zu vermitteln.
Positive Aufmerksamkeit auf die Haare lenken
Nach jedem mal Haareausreißen soll der Patient sich in positiver Art und Weise um seine Haare kümmern. Das heißt soviel wie Bürsten, Kämmen oder das Augen-Makeup zu erneuern und ähnliches. Diese Art mit dem Reißen umzugehen geht noch einen Schritt weiter als das bloße Unterbrechen der Kette von Handlungen, die das Haareausreißen einleiten. Mit diesem Schritt sucht der Patient sich gezielt gefährliche Situationen, die zuvor immer vermieden wurden. Er konfrontiert sich also gewissermaßen selbst mit diesen Situationen. Wenn man sich also diesen Situationen aussetzt, die das Haareausreißen hervorrufen könnten, diesem Drang oder Impuls aber dennoch widersteht, bekommt man ein positives Feedback, welches die Wirkung der Therapie noch verstärkt. Diese positive Verstärkung ist in einer Therapie unbedingt notwendig.
Unterstützung durch Familie und/oder Freunde
Es ist oft sehr schwer, eine erfolgreiche Verhaltensänderung zu erreichen, ohne die Unterstützung einer Person, die einem was bedeutet. Wenn möglich sollte wenigstens während der letzten Phasen des Trainings eine Person zur Unterstützung dabei sein, um dem Patienten zu helfen, zu ermutigen und ihn an die Behandlungstechniken und seinen Fortschritt zu erinnern. Selbsthilfegruppen können auch sehr hilfreich sein. Es ist wichtig, zu begreifen, dass die Sitzungen beim Therapeuten eine feste Struktur haben und er Techniken illustriert, Unterstützung anbietet und mit dem Patienten die Erfolge aufzeichnet, während eigentlich die echte, viel härtere Arbeit zu Hause zu erledigen bleibt. Dies beinhaltet natürlich auch das HRT. Dies sollte offensichtlich sein, da das Haareausreißen wohl kaum im Raum des Therapeuten geschieht.
Habit Reversal
| Technik | Beschreibung |
| Aufmerksamkeitstraining | • Selbstbeobachtung (Situation, Gedanken und Gefühle) • Registrieren des genauen Handlungsablaufs |
| Einüben konkurrierender Verhaltensweisen | • Festlegen einer Verhaltensweise, die das Ausführen des Impulses zum Haareausreißen unmöglich macht (etwa das Zusammendrücken eines Gegenstands mit der Hand) • Einsatz dieser neuen Verhaltensweise bei Auftreten des Impulses während mindestens zwei Minuten oder bis der Impuls nachlässt |
| Entspannungstraining | progressive Muskelrelaxation nach Jacobson oder andere Entspannungsverfahren |
| Verstärkung | • bewusstes Wahrnehmen der positiven Konsequenzen • Absprechen individueller Belohnungen |
| Generalisierungstraining | Ausweitung der Anwendung der Techniken auf Alltagssituationen |
Fragen zur Verhaltenstherapie
Wie erfolgreich ist die Verhaltenstherapie bei Trichotillomanie?
Es gibt leider nur wenige Studien, aber die vorliegenden Ergebnisse sind vielversprechend.
Viele Experten, die Trichotillomanie behandeln, wenden die Verhaltenstherapie (VT) an und stellen fest, dass sie beim Reduzieren oder Eliminieren der Trichotillomanie sehr effektiv ist. Es bedarf hier aber noch der Forschung, um die Effektivität der VT zu verbessern und um die spezifischen Techniken, die zum Erfolg führen, genauer definieren zu können.
Nach einer VT bleiben manche Patienten symptomfrei für den Rest ihres Lebens, aber viele haben jedoch Rückfälle von Zeit zu Zeit. Die realistischste Erwartung, mit der man an die VT herangehen sollte, ist die Reduzierung der Symptome auf ein Minimum in ihrer Frequenz und Intensität. Obwohl eine erfolgreiche VT harte und konsequente Arbeit an sich selbst verlangt, lohnt es sich; genauso, wie das Antibiotikum Penicillin richtig und regelmäßig eingenommen werden muss, um eine bakterielle Infektion zu bekämpfen, muss die VT nach Vorschriften ablaufen um so effektiv wie möglich die Trichotillomanie behandeln zu können.
Wie lange dauert es bis sich ein Erfolg einstellt?
Zuerst einmal sammelt der Patient die nötigen Informationen in den ersten paar Sitzungen. Nach den ersten Sitzungen fängt der Patient damit an, die verschiedenen Teile der "Habit-Reversal-Therapie" kennenzulernen und lernt auch, sie anzuwenden. Das kann um die 6 Sitzungen dauern.
Als nächstes benutzt der Patient das Erlernte auf einer täglichen Basis, zu Hause, privat, der Erfolg wird wöchentlich vom Therapeuten beobachtet. Obwohl ein Anschlagen der Therapie bereits nach ein oder zwei Sitzungen bemerkbar werden kann, kann es länger dauern, bis die wichtigsten Ziele erreichbar werden.
Wenn nach 6-8 Sitzungen immer noch keine Verbesserung der Symptome eintritt, sollte das Programm neu abgestimmt werden. Wie mit allen Behandlungsmethoden funktioniert die VT nicht bei jedermann.
Wie lange dauert eine VT?
Die Anzahl und Frequenz der Sitzungen sollte individuell abgestimmt werden. Für gewöhnlich hat man mindestens 1 und vorzugsweise 2 "Hausaufgaben-Sitzungen" täglich, jede davon dauert bis zu einer Stunde. Es geschieht häufiger, dass Patienten, die Erfolge zu verzeichnen haben, diese während der VT nicht akzeptieren, sondern sie als Phasen abtun. Mit der anhaltenden Verbesserung der Symptomatik und den ansteigenden Aktivitäten der Patienten jedoch steigt auch ihre Bereitschaft, ihre Erfolge und den Fortschritt, den sie gemacht haben, auch zu akzeptieren.
Gibt es Nebenwirkungen?
Die VT bei Trichotillomanie hat, wenn man es überhaupt so nennen kann, wenige Nebenwirkungen. Manche Patienten fühlen sich ängstlich oder leicht erregbar am Anfang. Manche fühlen sich von Zeit zu Zeit überfordert von der Herausforderung, der sie mit der Bekämpfung ihrer Krankheit gegenüberstehen. Mit dem Fortschreiten der Therapie lösen sich diese Gefühle für gewöhnlich wieder.
Viele chronische Trich-Patienten haben die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder dazu in der Lage zu sein, damit aufzuhören. Als eine Konsequenz davon sehen viele einen Rückfall als einen katastrophalen Rückschritt zum früheren, gefürchteten Zustand. Niemand kann wirkliche Fortschritte beim Ändern seiner Verhaltensweisen erzielen, ohne dabei Höhen und Tiefen durchmachen zu müssen.
Viele Verhaltenstherapeuten sehen Rückschläge als einen wichtigen Teil der Behandlung an, der konstruktiv dazu genutzt werden kann, um einen noch größeren Behandlungserfolg zu ermöglichen. Zum Beispiel können Rückschläge dabei helfen, sich risikoreiche Situationen bewusst zu machen.
Niemand kann wirkliche Fortschritte beim Ändern seiner Verhaltensweisen erzielen, ohne dabei Höhen und Tiefen durchmachen zu müssen.
Wo finde ich einen kompetenten Verhaltenstherapeuten?
Einen guten Verhaltenstherapeuten zu finden, kann sehr schwierig sein, vor allem, wenn er Erfahrung mit Trich haben soll. Eine Liste einiger Kliniken und Ansprechpartner findet ihr hier.
Wie mit allen Ärzten und Therapeuten ist die Meinung anderer sehr wichtig; man sollte sich also bei der Wahl eines Therapeuten bei anderen umhören. Trotzdem kann es sein, dass Patient und Therapeut sich nicht verstehen, keine Basis für die gemeinsame Zusammenarbeit finden können; sollte dies passieren, sollte man sofort darüber reden, die Aussprache suchen. Ist keine Lösung zu finden, sollte man sich einen neuen Therapeuten suchen.
Welche Rolle spielen Familie und Freunde bei der VT?
Trichotillomanie kann sehr hart sein für den Betroffenen, aber auch für Familie und Freunde. Eine häufige Reaktion auf das Verhalten des Betroffenen, ist die ständige Aufforderung, mit dem Ausreißen seiner Haare aufzuhören. Oder die Eltern oder Freunde versuchen, dem Verhalten mit Drohungen und Bestrafungen entgegenzuwirken. So tragen sie aber nur zum Stress und zur Not des Betroffenen bei, indem sie kritisch und vorwurfsvoll das Verhalten kommentieren, oder sie meiden - bewusst oder unbewusst - denjenigen.
Es hilft dem Betroffenen wenig, wenn er zwar gesagt bekommt, dass man immer hinter ihm steht und immer für ihn da ist; wenn man es ihn nicht spüren lässt, dass man ihm helfen will, schlägt es ins Gegenteil um und der Betroffene ist noch mehr verunsichert.
Familie und Freunde sollten verstehen, dass das Haareausreissen besser an manchen und schlimmer an anderen Tagen wird, besonders in Zeiten des Stress. Sie sollten Unterstützung anbieten und ermutigen und loben, wenn auch nur kleine Erfolge gemacht werden.
Es ist sehr wichtig, dass Freunde und Familie nicht zu stark zur Einhaltung der Behandlung drängen, dies trifft insbesondere auf Heranwachsende zu, die evtl. gegen ihre Eltern und den Druck, der dahinter steckt, rebellieren. Die Eltern können so stark involviert sein, durch ihre dauernden Kontrolle und Beobachtung, dass das Haareausreißen sogar schlimmer werden kann. In diesem Fall ist es angebracht, dass die Eltern das Ganze etwas langsamer angehen - Heilung braucht Zeit und Geduld. Wenn es Informationsveranstaltungen oder dergleichen gibt, sollten Familie und Freunde die Gelegenheit nutzen, um mehr über Trich und ihre Rolle, die sie bei der Heilung zu spielen haben, zu erfahren.Wenn der Patient eine VT macht, sollte die Familie oder Freunde auch mal die ein oder andere Sitzung miterleben, um so die Behandlung besser verstehen zu können und auch, um ihre Hilfe besser anbieten zu können.
