Samstag, den 02. Januar 2010 um 17:50 Uhr

Konzentrative Bewegungstherapie (KBT)

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Diese körperorientierte Form der Psychotherapie geht den Weg der bewussten Körperwahrnehmung im "Hier und Jetzt" - auf dem Hintergrund der individuellen Lebens- und Lerngeschichte. Gesunde Anteile und Störungen werden erlebbar, in ihrer Bedeutung verstehbar und damit der psychotherapeutischen Bearbeitung zugänglich.

Hintergrund und Geschichte

Konzentrative Bewegungstherapie ist eine leiborientierte psychotherapeutische Methode, bei der Wahrnehmung und Bewegung als grundlegende Elemente für das Fühlen, Handeln und Denken gelten. Die Konzentrative Bewegungstherapie hat ihren Anfang im Berlin der zwanziger Jahre genommen. Elsa Gindler, eine Gymnastiklehrerin, war mit einigen anderen, auf der Suche nach einer Veränderung der gängigen Gymnastik.

Zu Beginn der 50iger Jahre hatte Helmuth Stolze, ein Münchner Arzt und Psychoanalytiker - der auf der Suche nach einer die Psychoanalyse ergänzenden Methode war, die den Körper oder besser den Leib der Patienten mit in die Therapie mit einbeziehen könnte - diese Bewegungsarbeit kennengelernt und ihr die Bezeichnung "Konzentrative Bewegungstherapie" gegeben. Sie wurde zu diesem Zeitpunkt erstmals in Deutschland auch im klinischen Bereich erprobt und verbreitet (u.a. von Miriam Goldberg und Christine Gräff). Mittlerweile besteht kein Zweifel mehr darüber, dass spezifische Bewegungstherapie psychotherapeutisch wirksam ist, und manche Psychotherapie-Patienten und insbesondere psychosomatisch erkrankte Patienten etwas anderes als Worte und Sprache brauchen, um sich selbst zu erkennen und mit sich selbst und anderen in Berührung zu kommen.

An dieser Stelle verbinden sich die beiden Wege der sprechenden Psychotherapie und der Bewegungstherapie. Der verbindende Grundgedanke ist, dass alles Erleben an die Sinne gebunden ist und Erkenntnis beim Leib und seinen Sinnen ansetzt, wie es Stolze und Petzold unabhängig voneinander formulierten.

Die Methode der KBT

Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) ist eine leiborientierte psychotherapeutische Methode, bei der Wahrnehmung und Bewegung als Grundlage von Erfahrung und Handeln genützt werden. Sie kann sowohl gruppen- als auch einzeltherapeutisch angewendet werden. Auf der Basis entwicklungs- und tiefenpsychologischer sowie lerntheoretischer Denkmodelle werden unmittelbare Sinneserfahrungen verbunden mit psychoanalytisch orientierter Bearbeitung.

Grundlage der therapeutischen Arbeit ist die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers in Ruhe und Bewegung, allein für sich oder im gemeinsamen Handeln mit andern (Therapeut/in oder der Gruppe). Auf der Basis des Experimentierens mit den vier Grundhaltungen des Menschen - Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen - können Patienten die eigenen Bewegungs- und Wahrnehmungsmuster und deren emotionale Bedeutung erkennen. Lebensinhalte werden aktualisiert, erfahrbar und "begreifbar". Auf spielerische Weise eröffnen sich neue Handlungsmöglichkeiten und -spielräume. Anschließende Gespräche ermöglichen es, die gewonnenen Erfahrungen zu besprechen, zu vertiefen und in einen Sinnzusammenhang zu stellen.

Die Körpererfahrung wird ergänzt durch den Umgang mit Gegenständen, die neben der ganz konkreten auch symbolische Bedeutung gewinnen können (z. B. Bälle, Seile etc.). Im Umgang mit Materialien und Personen (Objekten) wird, neben den realen Erfahrungen, ein symbolisierter Bedeutungsgehalt erlebbar. Die differenzierte Wahrnehmung ermöglicht ein Vergleichen eigener Einstellungen und eigenen Verhaltens zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Situationen, im Umgang mit verschiedenen Gegenständen und Partnern.

Im therapeutischen Gespräch wird das Erlebte in Worte gefasst, reflektiert und im Zusammenhang mit der Lebensgeschichte betrachtet. Im bewussten Erleben des eigenen Körpers werden Erinnerungen und Gefühle reaktiviert, die im Laufe des Lebens ihren Ausdruck in Körperhaltung, Bewegung und Verhalten gefunden haben; diese können bis in die frühe Kindheit zurückreichen.
Durch die konzentrative Beschäftigung mit frühen Erfahrungsebenen (einfühlend und handelnd) werden Erinnerungen belebt, die im körperlichen Ausdruck als Haltung, Bewegung und Verhalten erscheinen, und die bis in die vorverbale Zeit zurückreichen können.
Die KBT bietet so die Möglichkeit, sich nicht nur über den Kopf und das Gespräch mit sich zu beschäftigen, sondern am eigenen Leib lebensgeschichtliche und aktuelle Zusammenhänge ganz konkret zu spüren und zu begreifen.

Im geschützten therapeutischen Raum können neue Verhaltensweisen erprobt werden. Es gibt kein "richtig" oder "falsch", sondern das jeweilige individuelle Erleben. Es geht darum, das Eigene auch im vermeintlich Fremden zu entdecken und entsprechend den jeweiligen Möglichkeiten zu entwickeln.

Das Erproben neuer Wege kann fixierte Haltungen und Fehlerwartungen abbauen. Die Fähigkeit, zu wählen und zu entscheiden, wird wiedergewonnen und weiterentwickelt. Wesentlich ist dabei - in Abhebung von anderen psychotherapeutischen Verfahren -, dass Leibliches die Grundlage und das Beziehungsfeld für individuell-eigengesetzliche physische, psychosomatische und psychische Abläufe bildet. Die aktualisierten Inhalte werden so konkret erfahrbar, die Problematik wird "begreifbar" und kann weiter bearbeitet werden. Dies kann durch Auseinandersetzung mit der Körpererfahrung im Hier und Jetzt geschehen, oder durch verbale Interpretation der aus bewusster und unbewusster Lebensgeschichte aufgetauchten Inhalte.

Auf beiden Wegen können sich Veränderungen im Sinne einer Persönlichkeitserweiterung entwickeln.
Über die Sensibilisierung der körperbezogenen Wahrnehmung eröffnet sich ein Erfahrungsspielraum, der unmittelbare leibliche Erfahrungen vermittelt. Das "leibliche" meint, dass über das Zusammenkommen von subjektiver körperlicher Wahrnehmung und dem Auftauchen oder Vorhanden sein von Körpersymptomen, ein Verstehenszugang zu krankmachenden Prozessen gewonnen werden kann.

Dieser Zugang wird zunächst über konkrete Erfahrungen im Hier und Jetzt auf folgenden Ebenen angestrebt: der

  • leiblichen Ebene
  • Beziehungsebene
  • symbolischen Ebene
  • Handlungsebene
  • der Ebene von Raum und Zeit.

Stets ist das Aufeinanderfolgen von Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Handeln und Sprechen gegenwärtig. Aus diesem Grunde ist die Konzentrative Bewegungstherapie keine non-verbale Methode. Der Verzicht auf Sprache und Worte, genauso wie das zeitweilige Augen schließen, dient dazu, der kinästhetischen Wahrnehmung Vorrang einzuräumen und die Besinnung auf sich selbst, sozusagen den Blick nach innen und den inneren Dialog zu bahnen. Daran schließt sich das Verbalisieren, das "Verwörtern" der Erfahrungen an. Gerade das Aussprechen, das in Worte fassen von Erfühltem hilft, es in den therapeutischen Prozess zu integrieren und darauf aufzubauen. Hierbei ist der wichtige Faktor der Beziehungsaufnahme, des "Sicht-Mitteilens" enthalten.

Anwendungsmodus der Konzentrativen Bewegungstherapie

Die KBT kann in Gruppen- und in Einzeltherapie angewendet werden. In der Regel haben die Patienten zwei KBT-Termine in der Woche (Gruppe 90 Minuten, Einzeltherapie 50 Minuten). Alle Patienten, für die die Indikation zur KBT gestellt wird, erhalten ein Vorgespräch von der KBT-Therapeutin. In diesem Gespräch findet ein erstes Kennenlernen von Patient und Therapeutin statt. Die Patienten erhalten eine Erklärung über Inhalt, Absicht und Vorgehensweise der KBT. Die Therapeutin trifft eine erste diagnostische Einschätzung und fokussiert einen ersten Zugang zu der Problematik des Patienten.

Ein Beispiel aus der Praxis

Das Geschehen in einer Therapiestunde kann man sich in einem spiralförmigen Prozess vorstellen. Ein Beispiel:

Ich beginne mit dem Vorschlag im Raum zu gehen. Ich fordere die Patienten dazu auf wahrzunehmen, wie sich das Gehen anfühlt. Es könnte schwerfällig, leichtfüßig, schleppend oder federnd sein. Während des Gehens fordere ich dazu auf, sich im Raum umzuschauen und auch nach draußen zu schauen, wahrzunehmen was bei dem Blick aus dem Fenster, ins Auge fällt. Die Patienten können feststellen, wo sie sich im Moment mit ihrer Aufmerksamkeit befinden: mehr im Raum, bei sich oder mehr draußen. Welche Gefühle herrschen im Moment vor?

Nun lenke ich mit meiner Anleitung die Wahrnehmung direkter zu den körperlichen Empfindungen. Zum Atem, zu den Fußsohle, den Fersen, den Fußgelenken. Welche Informationen erhalten die Kniegelenke, die Hüftgelenke, die Wirbelsäule usw.? Danach fordere ich dazu auf, innezuhalten, nachzuspüren und zu vergleichen. Im ersten Gruppengespräch nach dieser Körpererfahrung berichten die Teilnehmer von ihren Erfahrungen auf der leiblichen und der gefühlshaften Ebene.

Aus diesem Gespräch heraus entwickelt sich das nächste Thema im Gruppenprozess:
Abschied - Trennung - Neubeginn.
Zum einen, weil sich auf der leiblichen Ebene die Phänomene der Trennung und des Neubeginns bei jedem Schritt einstellen; lebensgeschichtlich bildet sich ein gemeinsames Thema der Patienten ab, außerdem steht das Thema der Entlassung aus der stationären Therapie für einige Patienten an. Das KBT-Angebot ist eine Partnerarbeit, bei der einer der Partner die Augen schließt und der andere mit offenen Augen diesen durch den Raum führt. Die Teilnehmer können nun erkunden:

  • Wer von den beiden Partnern führt?
  • Welche Gefühle begleiten den Geführten oder die Führende?
  • Wie aufgehoben, ausgeliefert, selbstbestimmt, eingeengt, vereinnahmt fühlt sich der einzelne?
  • Was passiert, wenn der eine den anderen einmal für eine kurze Weile alleine lässt, sich trennt
  • Wie fühlt es sich an wen er/sie wieder kommt oder eine andere Person u.s.w.

Im Anschluss an diesen Handlungsteil oder Erfahrungsteil erfolgt wieder das Gruppengespräch. Die Patienten sprechen nun Dinge an, die auf der therapeutischen Ebene in die Kategorien Körperdialog, Körpererinnerung, Körpererfahrung, Körperbild, und Körperschema eingeordnet werden können. Es besteht die Möglichkeit die Erfahrungen auf der Ebene der konkreten Erfahrungen im Hier und Jetzt zu besprechen oder auch an die Erfahrungen des Patienten aus seiner Lebensgeschichte anzuknüpfen.

Forschung

In den letzten Jahren wurden erste wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirksamkeit der KBT-Methode im Rahmen von Universitäten und Kliniken durchgeführt.

Zusammenfassung

Die KBT ist eine leiborientierte psychotherapeutische Methode für Gruppen- und Einzelpsychotherapie auf der Basis entwicklungs- und tiefenpsychologischer sowie lerntheoretischer und systemischer Denkmodelle. Bewegung wird verstanden als "Das Sich-Bewegen", das Erlebnis der Bewegung, als "Bewegt-Sein", das innerlich Bewegende und Bewegte und als "Auf-dem-Weg-sein", d.h. die schrittweise Entfaltung bei der Überwindung tatsächlicher und/oder phantasierter äußerer und innerer Hemmnisse. Ausgehend von der Theorie, dass sich Wahrnehmung zusammensetzt aus Sinnesempfindung und Erfahrung, geht die KBT den Weg der bewussten Körperwahrnehmung im "Hier und Jetzt" - auf dem Hintergrund der individuellen Lebens- und Lerngeschichte. Gesunde Anteile und Störungen werden erlebbar, in ihrer Bedeutung verstehbar und damit der psychotherapeutischen Bearbeitung zugänglich, mit jeder Belebung des Wahrnehmens wird gleichzeitig eine innere Bewegung ausgelöst. Mit jeder Bewegung wird Wahrnehmung belebt (Gestaltkreislehre).

Zuletzt geändert am: Mittwoch, den 20. April 2011 um 13:52 Uhr

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