...wirklich erinnern kann ich mich nicht daran, wann es bei mir mit Trich angefangen hat... leider. Denn natürlich wüsste ich nur zu gerne, welche Begebenheit - oder was auch immer - mir diese seltene Krankheit verschafft hat... Im Nachhinein weiß ich heute, dass ich wohl schon in früher Pubertät einzelne Wimpern ausgerissen, und dann mit Tesa auf ein Blatt Papier geklebt habe, um sie zu sammeln... ich weiß, das klingt recht blöde, doch damals fiel mir irgendwie nicht auf, dass das eigentlich nicht normal ist. Richtig bewusst ist es mir erst seit 6 Jahren, damals war ich 15.
Ich hab mir ständig Lücken in die Wimpern gerissen, und auch meine eigentlich sehr dichten, südländischen Brauen habe ich mir fast weg gezupft. Die Brauen waren nicht so schlimm...da konnte ich immer sagen, dass ich das aus kosmetischen Gründen gemacht, und dabei leider versaut habe...
Die fehlenden Wimpern hingegen gingen mir sehr sehr nah, und trotzdem begann ich bald, sie mir komplett auszureißen, was ich dann auch nicht mehr kaschieren konnte. Stundenlang verbrachte ich bewaffnet mit Pinzette und Fingerspitzengefühl vor dem Spiegel. ich schlief nächtelang nicht, bloß, um meiner LEIDENschaft nach zu gehen...
Meine Freunde reagierten super, sie trösteten mich, redeten mir gut zu, wenn ich mal wieder weinend zusammenbrach... es tat gut, jemandem zu sagen, was ich da mache... und dennoch fühlte ich mich unendlich einsam, weil ich teilweise wirklich dachte, ich sei verrückt im Kopf...und insgeheim wusste ich doch, dass auch alle anderen das denken...
Ich war davon überzeugt, dass ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der so was Komisches macht... meine Eltern „unterstützten“ mich bei dieser These mit vollen Kräften, und machten mir jeden Tag deutlich, dass sie mich für geisteskrank und bescheuert hielten. Ich weiß noch wie heute, wie oft mir mein Dad sagte, dass man mir ins Gesicht kotzen könne, wenn man mich ansieht. Er sagte, ich würde sein Leben ruinieren, und auch meine Mom gab mir an dem Reißen die Schuld, und verwies mich jeden Tag aufs Neue darauf, dass sie auch nicht wisse, was bei mir falsch gelaufen sei... somit begann der Teufelskreis erst recht, und ich rupfte aus Hass über mich selbst, Verzweiflung und Trauer erst recht umso mehr... in dieser Zeit mussten dann sogar fast alle - auch noch so wenig - behaarten Körperstellen dran glauben...
Diese Jahre der Ungewissheit, der Angst und des Schmerzes in mir waren die schlimmsten meines Lebens... jedes Mal, wenn ich meine Wimpern wieder „gezüchtet“ hatte, riss ich sie mir in ein paar wenigen Minuten wieder weg. Ich verabscheute mich, hielt mich für unfähig... es wurde so schlimm, dass ich mich umbringen wollte - ich wollte nicht verrückt sein!
Vor etwas über einem Jahr gab ich dann einfach so bei google.de „Wimpern reißen“ ein... 'einfach so zum Spaß', dachte ich mir damals... doch vielleicht war es auch Schicksal, denn dieser Tag hat mein Leben verändert - ich sah, dass ich „Trich“ hatte! Ich war gar nicht verrückt, und auch nicht alleine!! Stundenlang las ich alle Seiten zu Trich im Netz durch, heulte wie ein Schlosshund...
Es war einfach eine unglaubliche Erleichterung, wie sie sich kein Außenstehender vorstellen kann...Nun begann ich dazu zu stehen, denn ich wusste, ich konnte ja nichts dafür.
Ich erzählte meinen Eltern von Trich...
Meine Mutter versuchte, es anzunehmen (mein Dad weist es bis heute ab...), fuhr dann etwas später auch mit mir nach Hamburg zur Trichotillomanie Tagung des Eppendorfer Klinikums... Sie versucht mich zu verstehen, manchmal tröstet sie mich auch und unterstützt mich...doch es gibt auch bei ihr immer wieder Einbrüche, und dann macht sie mich fertig, schreit mich an und verletzt mich...gibt mir die Schuld daran, dass sie verzweifelt über mich gestörtes Ding ist... dabei kann ich doch auch nichts dafür...
Trich hat mir gezeigt, dass mein krankhafter Perfektionismus eine Illusion ist, und, dass ich ihn, um glücklich zu werden, ablegen muss...ich habe durch Trich wundervolle Menschen kennen gelernt, die mir natürlich sehr ähnlich sind. Ich habe das Gefühl von Gemeinschaft kennen gelernt, gehe heute selbst mit Menschen, die ‚anders’ sind, viel toleranter um und bin generell um einiges tiefsinniger geworden. Ich erfahre dadurch sehr viel über mich, es ist eine Art Ventil... etwas, das nur mir gehört, etwas Vertrautes, wie ein guter Freund, der mich zwar einsam macht, aber mit gleichzeitig auch mein Alleinsein nimmt...
Ja, so gesehen ist trich eine Bereicherung... doch soviel sie mir gibt, nimmt Trich mir auch. Der morgendliche Gang zum Spiegel ist jedes Mal wie ein Schlag ins Gesicht. Die Blicke von den anderen machen mich oft so kaputt, dass ich den ganzen Tag nur im Bett liege, heule oder manchmal auch daran denke, alles am liebsten zu beenden…manchmal rede ich mir ein, ich käme mit trich klar...doch insgeheim weiß ich, dass ich es nicht tue.
Ich hasse Trich, denn sie hat mein Leben im Griff, und mir mein schönes Gesicht genommen, dass ich einst hatte... wenn ich abends die Schminke wegwische, ist mir, als läge ich meine Maske ab...und dann stehe ich da... nackt im Gesicht, wie ein ausgelieferter Säugling... am liebsten wäre es mir, dass mich niemand so sehen würde. Doch das würde nur dann gehen, wenn ich alleine leben, nie bei Freunden übernachten oder mit anderen in Urlaub fahren täte... eine Zeit lang vermied ich auch all so was... doch ich kann ja nicht zulassen, dass diese scheiß Krankheit mich auch noch um meine sozialen Kontakte bringt!
Weder eine Therapie, noch 2 sehr starke Medikamente haben mir helfen können... Bei letzteren sind die Heilungschancen eigentlich so groß, dass bloß 0,2% der Patienten, die sie einnehmen, NICHT darauf anspringen. Nun ja... zu diesen 0,2% gehöre ich.
Doch auch, wenn Trich mir Lebensfreude, Optimismus, mein Lächeln und eben meine Haare geraubt hat - denn Willen zum Kämpfen gebe ich niemals her!!!!!
Und etwas Gutes hat das Ganze ja... Trich filtert für mich die Menschen aus, die bloß meine Oberfläche sehen, und sich dann wegen ihr von mir abwenden... und zeigt mir diejenigen, die mich wirklich so lieben, wie ich bin...
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