Hallo, ich bin Anette, ich bin 37 Jahre alt und habe / hatte Trichophagie.
Es tut so gut, dieses Wort endlich zu kennen - jahrzehntelang wußte ich nicht, worunter ich leide, das Phänomen hatte keinen Namen, und ich war deshalb damit ganz allein. Ich dachte wirklich, sowas Verrücktes macht sonst keiner außer mir... Deshalb bin ich sehr froh, dem Ding endlich einen Namen geben zu können !
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann es losging - aber ich glaube, es war so mit 13 oder 14 Jahren. Zu dieser Zeit haben ich meine Eltern gerade scheiden lassen. Es gab zwar keine offenen Streits, aber ich war immer auf mich allein gestellt, niemand hat sich um mich und meine Probleme gekümmert. Ich war ein gutes Kind, wenn ich die Klappe hielt, keinen Ärger machte und aus dem Weg war. Und das ist eigentlich in meiner gesamten Kindheit so gewesen.
Seit ich mich erinnern kann, habe ich meine Fingernägel abgekaut, bis sie fast blutig waren. Mit etwa 13 Jahren begann ich, unkontrolliert viel zu essen und auch zuviel Alkohol zu trinken. Irgendwann während dieser Zeit fing ich an, meine Haare am Hinterkopf auszureißen (bevorzugt waren besonders dicke und drahtige Exemplare mit dicken Wurzeln, die sich mit einem bestimmten energischen "Plopp" ausreißen ließen, wo ich spüren konnte, wie sich die Haarwurzel löste, ein ganz spezielles Gefühl auf der Kopfhaut...). Am liebsten waren mir die Bereiche hinter den Ohren und am Scheitel, da fühlte es sich besonders gut an. Die ausgerissenen Haare zog ich durch die Lippen, befühlte sie und aß sie dann KOMPLETT auf, indem ich sie Stück für Stück zwischen den Schneidezähnen wegknabberte. In manchen Phasen, wenn ich gerade versuchte, der Drang zu beherrschen, habe ich sogar Haare aus der Haarbürste herausgezogen und aufgegessen... ganz schön schräg. Ich habe zum Glück nie Magenprobleme deswegen bekommen.
Zeitweise sah ich aus wie ein gerupftes Huhn mit viel zu dünnen Haaren, ich schämte mich auch sehr deswegen und konnte mit niemandem richtig darüber reden. Aber es war zum Glück nie so schlimm, daß ein Außenstehender mißtrauisch geworden ist und mich darauf angesprochen hat. Hinter den Ohren gab es damals total kahle Stellen (am Scheitel wars hart an der Grenze), aber sie wurden immer noch gerade so durch meine halblangen Resthaare verdeckt.
Irgendwie paßte das alles zu meinem allgemeinen Lebensgefühl... ich muß mein wahres Ich verstecken, ein Leben im Geheimen führen, denn wenn jemand merkt, wie ich wirklich bin, werde ich der Lächerlichkeit preisgegeben, und total verboten bin ich noch dazu, weil ich nicht so bin, wie man mich haben möchte. Ich versuche so zu tun, als wenn ich so bin, wie es erwünscht ist - aber in Wirklichkeit bin ich ganz anders. Das darf aber niemand jemals merken, denn die anderen würden denken, daß ich schlecht und lächerlich bin. Ich selbst weiß, daß das nicht so ist - aber ich zähle nicht. Also verstelle und verstecke ich mich lieber. Das klingt vielleicht übertrieben... aber genauso war es.
Das Haareausreißen fand immer in Phasen statt - immer, wenn ich gerade verliebt war und / oder es meinem Selbstwertgefühl deswegen besser ging, verschwand es sofort. Eine sehr schlimme Phase gab es, als ich etwa 19 Jahre alt war. Ich habe zu dieser Zeit eine Gesprächstherapie begonnen, um dem Fingernägelkauen und dem Haareausreißen auf den Grund zu gehen, außerdem habe ich zu dieser Zeit auch noch Bulimie im Anfangsstadium gehabt und ständig den Finger in den Hals gesteckt.
Bei dieser ersten Therapie ist gar nichts herausgekommen, von Trichophagie hatte man damals (ca. 1984) anscheinend noch nie etwas gehört. Irgendwann fragte mich die Therapeutin ganz direkt: "Kann es sein, daß Sie Ihre Mutter hassen ?" Ich habe das damals entsetzt verneint - heute weiß ich, daß dieser Ansatz richtig war. Ich lernte dann einen neuen Freund kennen, die Symptome verschwanden schlagartig, und ich brach die Therapie ab.
In den darauffolgenden Jahren gab es ab und zu einen Anfall. Ich fing wieder mit dem Haareausreißen an, sah ein paar Monate später die kahlen Stellen in irgendeinem Spiegel (meistens waren es Umkleidekabinen), und aufgrund des Schocks, wie scheußlich es wirklich aussah, schaffte ich es, mich für eine Weile wieder in den Griff zu kriegen.
Nebenbei: Ich habe permanent weiter zuviel geraucht und getrunken und auch meine Fingernägel abgekaut. Ich glaube, ich bin ein nervöser Raucher und trinke unter anderem auch deshalb, um immer ein Glas in der Hand haben zu können und etwas mit meinen Händen zu tun zu haben. Vieles davon kommt von einer inneren Spannung, die dadurch irgendwie erleichtert wird.
Im Lauf der Jahre wurden meine Haare immer kürzer. Ab Ende Zwanzig war ich mehrere Jahre mit einem Mann zusammen, der mich und mein ganzes Wesen völlig unterdrückte. Er nutzte die Tatsache aus, daß ich auf Logik und Vernunft dressiert war - ich war nicht in der Lage, zuzulassen, etwas Unlogisches und Unvernünftiges oder Unperfektes zu tun. Ich mußte immer, in jeder Situation, die einzige und beste Lösungsmöglichkeit finden. Es war eigentlich mein Problem, aber er manipulierte mich aufgrund dieser Eigenschaft und durch meinen Perfektionismus, erfand logische Szenarien, die für mich unlösbar waren, und ich erstarrte völlig, weil ich weder vor noch zurück konnte. Ich war handlungsunfähig, denn es gab keine logische, beste Lösung. Ich war manchmal wie erstarrt, wie festgewachsen, ich konnte mich nicht mehr bewegen, nichts ging mehr, und in meinem Kopf war ein unlösbarer Knoten.
Während dieser Zeit habe ich meine Haare mit einem Barthaarschneider auf etwa 3 Millimeter gekürzt. Diese "Frisur" trug ich etwa genausolange, wie ich mit diesem Mann zusammenwar. Natürlich habe ich keine Haare mehr ausgerissen - wie denn auch - , aber verschwunden war das Problem deshalb noch lange nicht. Nach wie vor Fingernägelkauen, Alkohol, Rauchen. Nervosität. Nicht wissen wohin. Entscheidungsunfähig. Festsitzen. Alles ist zuende. Depression.
Das einzige, was mir in dieser Zeit wirklich geholfen hat, war Sport. Ausdauertraining bis zum Abwinken und Muskelstraffung. Das ist gut fürs Selbstwertgefühl und hilft gegen vieles.
Auch in dieser Phase habe ich eine Gesprächstherapie gemacht, diesmal dauerte sie etwa 2 oder 3 Jahre. Auch diese Therapeutin hatte noch nie etwas von Trich gehört, das war etwa 1996-1999. Ergebnis: größtenteils überflüssig.
Dann veränderte sich alles. Das war im April 1999, ich hatte gerade eine neue Arbeitsstelle angetreten. Ich wollte etwas ändern, endlich aus der Beziehung raus, und ich fing an, meine Haare wachsen zu lassen (der Rest ist eine lange Geschichte...).
Eines Abends vor dem Fernseher auf dem Sofa hatte ich so etwas wie eine Vision - meine Gedanken arbeiteten im Hinterkopf, und plötzlich sah ich mich selbst und mein Leben als ein Puppenhaus mit vielen Etagen. Vielleicht war das doch noch ein nachträglicher Therapieerfolg - ich kanns nicht sagen. In diesem Puppenhaus wanderte überall meine Mutter herum wie ein böser Geist, und ich wußte sofort, daß ich sie da RAUSSCHMEISSEN mußte. Sie war überall und manipuierte ALLES. Ich habe noch kurz überlegt, in welchen Teil des Hauses ich sie verbannen will - aber dann wurde mir klar, daß sie im Keller meine Heizungsanlage manipulieren würde und auf dem Dachboden die Regenrinnen verbiegen... Also beschloß ich, für sie anzubauen, damit sie mir nicht mehr schaden konnte. Ich schmiß sie raus und beförderte sie in einen Anbau, ein ganz eigenes Gebäude. Da ist sie noch heute, und seitdem geht es mir um 300 Prozent besser.
Ich habe seitdem nichts mehr mit ihr zu tun gehabt.
Manchmal sehe ich noch das Bild vor mir, mit dem ich anfangs in die zweite Therapie gegangen bin: Ich sitze auf einer Betonplattform, etwa 3 mal 3 Meter im Quadrat und 50 Zentimeter hoch. Um mich herum ist eine grüne Wiese, mit Blumen und allem was dazugehört, alles so lebendig - aber ich darf die Plattform nicht verlassen, mich nur auf ihr bewegen. All die Regeln und Normen verbieten es mir, hinaus auf die Wiese zu gehen. Meine Mutter verbietet es mir, denn wenn ich auf die Wiese gehe, bin ich kein guter Mensch mehr. Dann habe ich keine Disziplin, bin nicht arbeitsam bis zum Umfallen, bin nicht so, wie sie mich haben will, perfekt, ohne Makel, wie eine Maschine.
Wie ist es jetzt ?
Es ist nicht perfekt, zum Glück. Ich will NIE WIEDER perfekt sein müssen. Ich bin immer noch nervös und trinke mehr, als mir guttut, aber ich kaue seit damals keine Fingernägel mehr - dieses Symptom ist verschwunden ! Ich reiße meine Haare nicht mehr aus, aber ich bin immer noch ständig mit den Händen in den Haaren zugange. Ich habe jetzt ganz langes Haar und ziehe einzelne Strähnen durch die Finger. Wenn ich einen Knoten erwische, entwirre ich ihn, und das leichte Ziehen auf der Kopfhaut empfinde ich immer noch als angenehm. Aber ich reiße nicht mehr - und auch der Drang zum anschließenden Aufknabbern ist (fast) verschwunden.
Ich darf jetzt endlich Fehler machen soviel ich will ! Verrückte Dinge tun, ohne mich deswegen wie ein schlechter Mensch zu fühlen ! Geld für sinnloses Zeug ausgeben ! Auch mal reden, einfach so, ohne vorher zwei Stunden nachzudenken, ob es auch aus allen Blickwinkeln betrachtet richtig ist ! Ich weiß jetzt, daß ich ein prima Mensch bin, auch wenn ich NICHT perfekt bin - oder wahrscheinlich gerade deswegen.
Ich darf einfach ich sein, ohne Furcht. Alles ausprobieren, einfach machen, nicht jeden Kleinkram wochenlang überdenken - und trotzdem ist alles OK, der Himmel fällt mir nicht auf den Kopf, ich werde nicht verhaftet oder an den Pranger gestellt, ich bin immer noch ich, und niemand verachtet mich, niemand lacht mich aus. Im Gegenteil !
Alles wird gut, wenn ich bei mir selbst bin. Just do it.
Dies ist jetzt doch extrem lang geworden - danke an jeden, der bis hierher durchgehalten hat. Vielleicht machts ja ein bißchen Mut. Bitte schreibt mir, wenn ihr möchtet.
Herzliche Grüße an alle
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
