Meine Geschichte
Der Trich begleitet mich schon länger als mein halbes Leben. Mit etwa 12 Jahren fing alles mit harmlosen Haare ein- und ausdrehen an und steigerte sich zunächst mit unabsichtlich herausgerissenen Haaren. Da ich keine Schmerzen verspürte und ich durch das Ziehen sogar positive Effekte hatte wurde es langsam immer mehr. Ehe ich mich versah hatte ich sichtbare kahle Stellen. Ein Schock. Natürlich blieb das auch meinen Eltern nicht lange verborgen und sie versuchten mit allen Mitteln – mit Liebe später mit Druck – mich von dieser „Angewohnheit“ abzubringen. Natürlich ohne Erfolg. Nicht mal ich wußte genau warum ich mir ständig so schaden musste. Fest stand nur ich konnte nicht mehr damit aufhören. Ich zog bei Langeweile, Freude, Trauer, Wut, Enttäuschung, beim Fernsehen, beim Telefonieren. Kurzum es gab viele Anlässe.
Mit den Jahren entwickelte ich immer ausgefeiltere Techniken die Lücken zu kaschieren. Auf der einen Seite war ich stolz darauf, dass niemand etwas sehen konnte, auf der anderen Seite fühlte ich mich schrecklich eingeengt und unglücklich. Meine Eltern waren mir leider gar keine Hilfe. Eher im Gegenteil. Ich fühlte mich schrecklich, weil ich diesen Drang nicht in den Griff kriegen konnte, so sehr ich mich auch bemühte. Irgendwann kommt man an den Punkt wo man sich fast damit abfindet. Da gibt es diese Phasen in denen man wie verrückt reißt, bis es fast keine Möglichkeit mehr gibt die leeren Stellen zu verdecken. Schließlich brauchte ich eine Perücke. Zum Glück musste ich die nur kurz tragen, da meine Haare sich wieder erholten. Es war eigentlich immer das Gleiche; auf Phasen starken Reißens und großer Verluste folgte die Zeit des Nachwachsenlassens aus Angst immer so bleiben zu müssen. Waren die Haare wieder einigermaßen nachgewachsen gab es wieder kein Halten mehr. Ein Teufelskreis.
Früher dachte ich, dass ich vielleicht so reiße, weil mir irgendetwas fehlt; ein toller Job, ein lieber Freund etc. . Aber das war Unsinn. Heute denke ich, dass ich einfach eine Veranlagung dazu haben muß so wie vielleicht andere Leute veranlagt sind schneller als andere abhängig von Drogen oder Alkohol zu werden. Ich weiß, das kann man nicht direkt vergleichen. Aber so wie man von Drogen und Alkohol loskommen kann, gibt es sicher auch eine Möglichkeit sich vom Trich zu befreien. Ich denke, ich werde immer aufpassen müssen nicht wieder in alte Gewohnheiten zu verfallen oder gedankenlos dem Drang nachzugeben, wenn er wieder da ist.
Mit der Zeit wuchsen manche Stellen nicht mehr nach. Diese Stellen sind zwar klein doch ich sehe sie genau und es tut weh zu wissen, dass dort nie wieder Haare nachkommen werden. Nach meiner letzten Attacke habe ich richtig Angst bekommen, da ich merkte, dass die Regenerationsphase viel länger dauerte als sonst. Ich musste fürchten viele Haare einzubüßen. Noch heute steht nicht fest wie viele wieder kommen werden. Also hoffe ich und lasse meine Finger weg. Das fällt mir in Anbetracht der Lage auch nicht mehr so schwer wie früher. Ich weiß nicht wie ich damit umgehen sollte, wenn große Stellen zurück bleiben und mich täglich daran erinnern was ich mir selber angetan habe. Ich hoffe ich kann mit meiner Geschichte ein paar Leidensgenossen zum Nachdenken anregen was sie tun wollen, falls die Haare nicht wie gewohnt nachwachsen, sondern für immer verloren sind. Diesen Schmerz sollte man sich ersparen, oder? Bisher habe ich diese Gedanken so gut es ging verdrängt. Das geht jetzt nicht mehr.
Ich möchte keinesfalls die Gefühle derer verletzten, die vielleicht schon (wie ich) bleibende Schädigungen haben. Ich hoffe diejenigen zu erreichen, die noch die Chance haben „unversehrt“ zu bleiben und sich genau zu überlegen was das Reißen für Folgen haben kann. Leider musste ich erst durch Schaden klug werden.
Aber egal wie es am Ende ausgehen mag; ich habe gelernt mich so zu mögen wie ich bin und den Trich als Krankheit akzeptiert, der ich keine Macht mehr über mich geben will. Viel zu lange wurde mein Leben vom sich verstecken müssen und zermürbenden Selbstzweifeln überschattet. Ich will noch was haben vom Leben und mich nicht länger verstecken müssen. Ich bin hungrig nach Unbeschwertheit und nach Spontanität ohne ständig daran denken zu müssen, ob man vielleicht meine Stellen sehen könnte. Auf diesen Scheiß habe ich keinen Bock mehr! (Sorry) Ich definiere mich über die Menschen die ich liebe und die mich lieben und über das was ich mit meinem Leben anfange. Auf jeden Fall werde ich nicht aufgeben auch wenn es einen Rückfall geben sollte. Ich weiß ich bin o.k. und ob Ihr es glaubt oder nicht Ihr seid auch o.k.!
Liebe Grüße
Katharina
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