Phoenix erzählt...
Hallo zusammen!
Ich bin 17 Jahre alt, Schweizerin und habe Trich seit ca. 11 Jahren. Damals zog ich mit meiner Familie nach Ecuador um. Dort kam ich als Jüngste meiner Klasse in eine deutsche Schule.
Auch mein Bruder, der anderthalb Jahre älter ist, besuchte diese Schule. Er ist Legastheniker (Lese-/Schreibschwäche) und hatte in der Schule grosse Probleme. Auch sonst war mein Bruder ein schwieriges Kind. Er brauchte sehr viel Aufmerksamkeit und wurde schnell agressiv. Meine Eltern mussten sich immer viel um ihn kümmern. Ich war eher das Gegenteil. In der Schule bekam ich immer gute Noten, ich war immer brav und pflichtbewusst, ich konnte problemlos lange Zeit alleine spielen... Deshalb "vergassen" mich meine Eltern häufig. Um mich brauchte sich ja niemand zu kümmern, bei mir klappte ja sowieso immer alles?! In dieser Zeit begann ich, wenn ich mich alleine und ungeliebt fühlte, meine Wimpern auszureissen und zu essen. Meine Eltern merkten nichts.
Als wir zurück in die Schweiz kamen, wurde alles nur noch schlimmer. Ich hatte grosses Heimweh nach Ecuador, meinen Freunden und meiner Hündin dort. In der neuen Schule wurde ich von meinen Mitschülern terrorisiert und gemobbt. Ich hatte kaum Freunde. Dies verstärkte mein Heimweh noch zusätzlich. Damals riss ich mir immer häufiger Wimpern aus und neu auch Haare an anderen Körperstellen. Ich dachte immer: wenn ich aus dieser verdammten Schule rauskomme werde ich damit aufhören können (Ich wusste noch nichts von Trich).
Dann kam ich ins Gymnasium. Dort wurde ich zwar besser akzeptiert, aber die vorangegangen Terrorjahre hatten ihre Spuren hinterlassen. Ich habe noch heute Kontaktschwierigkeiten, Ängste und ein sehr tiefes Selbstwertgefühl.
Leider verbesserte sich Trich nicht. Durch den vermehrten Stress und weil die Wimpern immer weniger gut nachwuchsen, verschlechterte sich der Zustand meiner Augen sogar.
Ich versuchte die verschiedensten Methoden, um mich vom Reissen abzuhalten: Taucherbrille anziehen, Fingernägel zu kurz schneiden, Handschuhe mit Reisnägeln anziehen, mich z.B. beim Lesen ans Bett fesseln, meine Hände in eine Schachtel einsperren, mit Spielzeug die Hände ablenken, die Wimpern anmalen (so dass ich beim Reissen schwarze Finger bekam), überall durchgestrichene Bilder mit fast wimpernlosen Augen aufhängen...
Doch kein Versuch bewährte sich.
Wenn mich jemand nach meinen Wimpern fragte, behauptete ich, dass ich bei einer schweren Erkrankung (die gab es wirklich) alle Haare verloren hatte und seit damals würden die Wimpern nicht mehr richtig nachwachsen.
Meine Eltern wussten mittlerweile, was ich tat. Sie schimpften mit mir, flehten mich an, damit aufzuhören, sagten, ich solle mich doch einfach zusammenreissen... Einmal wünschte sich meine Mutter zum Geburtstag, dass ich meine Wimpern in Ruhe liesse. (Als ob ich selber nicht auch damit aufhören wollte!)
Als ich mal wieder keine einzige Wimper hatte, gab ich bei Google "Wimpern" und "ausreissen" ein. Zu meiner grossen Überraschung fand ich heraus, dass meine "schlechte Angewohnheit", eine Krankheit ist und dass ich nicht die einzige damit bin.
Seit bald einem Jahr bin ich in psychologischer Behandlung. Zuerst musste ich meine anderen psychischen Probleme verarbeiten und erst vor kurzem haben wir den Grund von Trich herausgefunden.
Bisher habe ich auch die John Kender Diät erfolglos ausprobiert. Jetzt hoffe ich, mit Hilfe von Selbsthypnose und der Psychologin Trichotillomanie zu besiegen.
Es liegt noch ein weiter Weg vor mir, aber ich werde es schaffen!
Vielen Dank fürs Lesen und allen Leidensgenossen viel Erfolg im Kampf gegen Trich!
Phoenix
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01/01/2005
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