Schattenfell erzählt
Hallo an alle, erstmal großes Lob an Steph, dass sie diese Seite erstellt hat und so die Betroffenen aus der Isolation holt. Toll!
Bei mir kann ich einigermassen sicher sagen, wie das kam mit dem Reißen:
Ich habe sehr lange am Daumen gelutscht, und zwar - hört, hört - bis 17 1/2, und meine Eltern sowie alle um mich herum haben versucht, mich ähnlich wie Ihr das vom Haarereißen kennt, mit allen Mitteln davon abzukriegen: Schlagen, Schimpfen, Mahnen, Bitten, Daumexol (so ein eklig schmeckendes Mittel)... egal, auch meine eigene Willensanstrengung hat ja nicht gereicht. Irgendwann, also mit 17, sagte ich mir selbst: Ich kann auf keinen Fall noch mit 18 am Daumen lutschen, das ist ja PEINLICH! Also hörte ich von einem Tag auf den nächsten auf... aber ich suchte mir bald eine Ersatzbeschäftigung - nämlich das Haarereissen.
Ich bin mir also ziemlich sicher, dass es bei mir sehr frühkindliche Bedürfnisse sind, die durch das Daumenlutschen, später dann durch das Reißen, gestillt werden: Etwas, das mir Sicherheit, Ablenkung, Vertrautheit, Trost, Beruhigung usw. gibt. Eben wie einem Kleinstkind das Daumenlutschen!
Die Situationen, in denen ich reiße, sind eben auch genau die, in denen ich die oben genannten Funktionen erreichen will bzw. brauche!
Zuerst habe ich nur immerzu an meinem Haar herumgespielt, gewuschelt und geprokelt. Irgendwann fing ich dann auch an, die Haare auszureißen. Bei mir geht es meistens um das Kopfhaar, und zwar oben am Scheitel oder zumeist rechtsseitig. Obwohl (oder weil?) ich Linkshänder bin, reiße ich fast nur rechts. Bei mir ist das Ritual so, dass ich die Haare meist ausreiße, nachdem ich die Spitzen erst gewissermaßen zu einem Knäuel geprokelt habe. Dabei konzentriere ich mich auch meistens auf schon lädierte Haare, die also irgendwie gespalten sind oder so. Ich erliege auch oft dem Drang, vor dem Spiegel zu stehen und dann nach Haaren zu suchen, die meine "Kriterien" erfüllen und die ich dann "beseitigen" kann.
Manchmal ist es aber auch eher wie ein Rausch, besonders in Stressmomenten, wenn ich dann vollkommen "unkontrolliert" (eigentlich ein irreführender Begriff, denn auch ansonsten kann ich den Zwang einfach nicht kontrollieren!) fast büschelweise an einzelnen Stellen reiße.
Mein Haar ist ohnehin sehr fein, und ich sehe an sich seit ich denken kann immer so aus wie ein gerupftes Huhn, oder besser, als seien die "Mäuse" in meinem Haar gewesen, einfach zippelig, angeknabbert. Da ich auf dem Scheitel, sowie meistens auf der rechten Seite des Kopfes reiße, ist das Haar insgesamt immer irgendwie asymmetrisch, worauf ich auch beim Friseur schon angesprochen wurde, logisch! Ich habe dann immer irgendeine Ausrede benutzt und mich furchtbar geschämt! Weiterhin habe ich den Friseur immer schön gewechselt, auch so eine Vermeidungsstrategie. Wie ich es hier oft schon gelesen habe, gehe ich auch ausgesprochen ungern zum Friseur.
Ich habe - bis auf wenige Ausnahmen - keine richtigen Löcher auf dem Kopf gehabt, "nur" vielleicht dreimal, wo ich fast rauschartig an bestimmten Stellen gerissen habe. Bei mir ist es eben eine Ausdünnung und Verkürzung des ohnehin schon feinen Haares.
Ich selbst habe mit noch niemandem über diese Last gesprochen, diesen Zwang, an dem ich leide. Rauszukommen aus dieser Vermeidung, Leugnung, diesem Kreislauf aus dem Versuch, es zu lassen, dem Scheitern, dem Traurigsein, den Selbstvorwürfen - das tut schon gut, ich bemerke es allein durch das Niederschreiben.
Mein Mann hat mich schon ein paarmal angesprochen, ich solle bitte das Haar nicht ausreißen, und er hat mir auch schon gesagt, in welchen Situationen ich das mache. Meine Eltern haben mich auch schon ein paarmal darauf angesprochen. Ansonsten noch niemand. Ich bezweifle auch, dass jemand es weiß.
Worunter ich immer besonders gelitten habe, ist, wenn jemand mich gefragt hat: Ach, warst Du beim Friseur? Du hast dir die Haare kurzschneiden lassen? - und ich hatte es selbstverständlich NICHT getan! Das waren immer demütigende Momente für mich. Meine Haare wurden quasi immer kürzer statt länger! Grausam!
Mittlerweile habe ich die Haare etwa schulterlang, meist trage ich sie zum Zopf zusammengebunden. Wie gesagt: Es schauen viele kurze Haare hier und da aus dem Haar heraus, aber ich habe mir natürlich wie wohl alle hier Möglichkeiten angeeignet, das zu kaschieren.
Ich mochte gern etwas erlernen, was mir genau diese Gefühle gibt, die mir bisher das Daumenlutschen und dann das Reissen gab. Ich habe gelernt, dass ich die Situationen erkennen muss, in denen ich gefährdet bin (z.B. Autofahren, im Büro am Schreibtisch sitzen, Fernsehen, Lesen, Langeweile, Streit mit meinem Mann) und dass ich dann entweder diese Situation verlassen muss oder mich ablenken, um die Verhaltensweise sich nicht verselbständigen zu lassen. Das ist oft recht schwierig, z.B. im Büro. Ich brauche daher etwas, das ich in der vornehmlich rechten Hand halten kann und das mir eventuell ein ähnliches Gefühl vermittelt wie das Reissen. Mir wurde schnell klar, dass es für mich etwas Textiles sein müsste. Mein Hund hat so ein Spielzeug, das ein Knoten mit Puscheln ("Haaren") an den Enden ist. Diesen Knoten habe ich ihm entwendet (er hat etwas irritiert geguckt) und habe das Ding im Auto neben mich auf den Sitz gelegt. Da ich Automatik fahre, geht das. Ich prokele nun also an diesen haarigen Enden herum, das ist vertraut und immerhin kann ich nun schon mal beim Autofahren das Haareprokeln und -reißen unterlassen.
Ich wünsche mir, dass ich bis zu meinem 39. Geburtstag das Reißen lassen kann. Dieses Ziel werde ich mit aller Kraft verfolgen. Es ist in fünf Monaten.
Viele liebe Grüße
Schattenfell
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17/06/2005
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