Melis Geschichte
So, dann werde ich, inspiriert von den anderen Geschichten hier, mal was über mich erzählen. Ist echt erstaunlich, wie oft ich mich selbst wieder finde in dem, was ihr da schreibt! Und es tut gut, zu wissen, dass man nicht allein ist, mit all seinen Ängsten und Sorgen! Also, los gehts.
Ich bin jetzt 20 Jahre jung und hab Trich seit meinem 13. Lebensjahr. Ich hab ne kleine Schwester, die drei Jahre jünger ist als ich und die ich sehr liebe. Mein Vater wird dieses Jahr 70 , ist nervlich total am Ende, regt sich über alles und jeden auf, es gibt Tage, an denen er nur rumbrüllt, an anderen Tagen redet er gar nichts und liegt den ganzen Tag im Bett. Er hat meiner Schwester und mir nie das Gefühl gegeben, dass er uns liebt. Zeitenweise war ich davon überzeugt, dass er mich nicht mal mag. Ich war nie so, wie er das wollte, hatte schon immer meinen eigenen Kopf, den ich durchsetzen wollte und konnte nicht still daneben stehen, wenn er meine Schwester, meine Mutter und mich mal wieder fertig gemacht hat. Das ist sowieso eine seiner Spezialitäten, von klein auf hab ich ständig von ihm zu hören gekriegt, dass ich nix kann, zu allem zu dumm bin, nix tauge und dass nie was aus mir wird. Dass er von mir dann auch was zu hören gekriegt hat, während meine Schwester nur geheult hat, steigerte seine Sympathie für mich nicht unbedingt.
Meine Mutter hat immer versucht, das, was unser Vater uns an Zuneigung nicht gibt, auszugleichen und unser Zusammenleben so harmonisch und konfliktfrei wie möglich zu gestalten, was aber so gut wie unmöglich war.
Als ich in der 4. Klasse war hatte sie dann ihre erste psychotische Phase. Ich hab die Welt nicht mehr verstanden, als sie plötzlich anfing, panisch im Haus rumzulaufen und zu erzählen, dass mein Vater uns umbringen wollte. So haben wir schließlich fluchtartig das Haus verlassen und sind zu ihren Eltern gegangen, wo wir wochenlang Phasen schlimmster Paranoia und Angstzuständen ertragen mussten. Als es ihr dann wieder besser ging, zogen wir wieder zurück zu meinem Vater. Die nächste psychotische Phase kam dann 2 Jahre später, und die letzte nochmals ein Jahr später. Ich dachte damals, viel schlimmer könnte es nicht mehr werden (haha...). Wie es da bei uns zuhause zuging entzieht sich jeglicher Beschreibung. Um mich herum war nur Chaos, panisches Gerede, Gebrüll, Angst, Verzweiflung, Ratlosigkeit und das Geheul meiner Schwester. Meine Großeltern haben versucht, uns zu helfen so gut es ging, allerdings hatten sie inzwischen kein allzu gutes Bild mehr von meinem Vater, weil sie ihm die Schuld für den Zustand meiner Mutter gaben (die nun mal ihre Tochter war, um die sie sich Sorgen machten),was nach einigen Auseinandersetzungen dazu führte, dass sie unser Haus nicht mehr betreten durften. Alle waren damit beschäftigt, sich um meine Mutter zu kümmern, da wir sie nicht in eine Psychiatrie einweisen lassen wollten und sie während der ganzen Zeit zuhause war, mit ambulanter Betreuung. Auf ihren letzten psychotischen Schub, ich war damals 13, folgten 2 Jahre, in denen sie unter heftigsten Depressionen litt. Alles war ihr zuviel, sie war überfordert, ausgebrannt und mit ihren Kräften am Ende. Sie versuchte trotzdem, für meine Schwester und mich da zu sein, aber ich wusste, dass sie es nicht ertragen hätte, wenn ich ihr erzählt hätte, wie es damals in mir aussah. Ich kümmerte mich um meine kleine Schwester, tröstete sie, wenn sie traurig war, nahm sie mit zu meinen Freunden, damit sie nicht zuhause sein musste und versuchte, für sie da zu sein. Sie war der einzige Mensch, auf den ich mich wirklich verlassen konnte, die einzige, die mir das Gefühl gab, nicht alleine auf dieser Welt zu sein. Und doch konnte sie nicht verstehen, was in mir vorging (Pubertät, ich glaub, wir alle kennen das...).
Ich war schon immer ein Mensch, der viel nachdachte, aber in dieser Zeit nahm das sogar noch zu. Die Zeiten, in denen man den ganzen Tag mit den Nachbarskindern draußen rumrannte, lachte und kindlich-ausgelassen war, sind irgendwann auch vorbei, obwohl ich jeden Moment sehr genoss, in dem ich unbeschwert sein konnte, bei Freundinnen war, wo wir nur Blödsinn gemacht haben und den ganzen Tag gelacht. So sah mein Leben aus. Daheim wars unerträglich, ich hatte niemanden, dem ich meine Probleme hätte erzählen können, deswegen ließ ichs bleiben. Und so fing ich an, mir die Haare auszureißen. Ich saß abends allein in meinem Zimmer, dachte über Gott und die Welt nach und riss. Was sehr bald dazu führte, dass ich kahle Stellen hatte, was dann auch meiner Mutter auffiel. Sie redete mit mir darüber und schlug mir vor, zu einer Therapeutin zu gehen, was ich dann auch tat, und angesichts der Situation war das auch gut so. Daheim wars nach wie vor schrecklich, und als ich wieder etwas mehr Zeit hatte, mich auf michselbst zu konzentrieren und nach mir zu schauen, musste ich feststellen,dass ich mit mir nicht mehr klar kam.
Und zu allem Überfluss musste ich nebenbei auch noch zur Schule. Der Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium fiel mir auch nicht leicht. In der Grundschule war ich beliebt gewesen, ich war aufgeweckt und lebhaft, hatte viele Freunde und war überall dabei. Aber in meiner neuen Klasse fand ich keinen Anschluss, es gab einige Leute in der Klasse, die mich nicht mochten, weil ich so ruhig war. Ich vermisste meine alten Freunde aus der Grundschule und auch darüber konnte ich zuhause nicht reden. Schule war schlimm für mich, bis ich die 8. Klasse wiederholen musste. Meine neue Klasse war super, ich verstand mich mit vielen Leuten und habe da auch einige meiner bis heute besten Freundinnen kennen gelernt. Das reißen wurde teotzdem nicht besser und so kam ich mit 16 zum ersten Mal in eine Klinik, allerdings mehr zur Erholung, in den Sommerferien. Doch auch dadurch wurde das reißen nicht besser, im Gegenteil. Die 10. Klasse schloss ich ab, die 11. hab ich noch ein halbes Jahr lang durchgehalten, bevor gar nichts mehr ging. Ich bekam schlimme Depressionen, konnte mich zu nichts mehr aufraffen, und das Haarband, das ich seit Jahren trug, um die kahlen Stellen zu verdecken, reichte längst nicht mehr aus. Ich konnte morgens nicht mehr in den Spiegel schauen, wollte das Haus nicht mehr verlassen und mich einfach nur zurückziehen, vor allem. Ich brach die Schule dann ab und verbrachte 3 Monate zuhause, wo ich darauf wartete, dass in einer Klinik ein Platz für mich frei wurde. Ich riss so viel, dass ich kaum noch Haare aufm Kopf hatte und schließlich eine Perücke brauchte. Meine ambulante Therapie brach ich auch ab und bis auf die Besuche meiner Freundinnen, die einfach nicht locker ließen und darauf bestanden, mich weiterhin zu sehen, war ich den ganzen Tag allein. Meine Schwester war nur noch bei ihrem Freund und meine Mutter konnte nicht mitansehen, wie ich litt.
Dann folgte mein 2. Klinikaufenthalt, endlich! Ich setzte soviel Hoffnung darauf, aber als ich da hinkam, hatte ich das Gefühl, dass die Therapeuten gar keine Ahnung von meiner Krankheit hatten. Was auch tatsächlich so war, wie sie ehrlich zugaben. Sie hatten bisher noch nicht viel Erfahrung mit Tricho-Patienten gesammelt. Super... Die Zeit dort war trotzdem schön, ich hab viele nette Leute kennen gelernt und auch viel über mich erfahren, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass das Zwangserkrankungen-Programm von denen mir helfen konnte. In den ganzen Wasch-Kontroll- und Putzzwänglern aus meiner Gruppe konnte ich mich auch nicht wirklich wiederfinden. Die Zeit dort hat mir trotzdem gut getan. Jedoch wurde ich entlassen ohne einen sichtbaren Erfolg und vor allem ohne die geringste Ahnung, was ich jetzt mit meinem Leben anfangen sollte. Ich musste wieder zurück nach Hause, obwohl ich das nicht mehr wollte. Tja, da war ich dann. Und genau das, wovor ich in der Klinik am meisten Angst gehabt hatte, stellte sich ein: es war wieder alles so, wie vor der Klinik.
So kam ich dann nach langem Überlegen, was man denn tun könnte, in die Tagesklapse bei mir in der Stadt. Dort erhielt ich dann meine 3. Diagnose - Borderline- und wurde dort auch auf Borderline behadelt, da gabs so ein spezielles Therapiekonzept für Borderliner, deshalb waren fast die Hälfte der 20 Patienten dort Borderliner. So sehr ich mich auch anfangs gegen diese Diagnose gewehrt habe, so erstaunt war ich darüber, dass ich mich darin wiederfand, was meine Borderline-Kollegen erzählten. Unerträgliche Anspannung, ein Chaos aus negativen Gedanken im Kopf, das Gefühl, dass man dem, was in einem vorgeht, machtlos gegenüber steht - das war ich! Außerdem wars immer noch besser, den Tag in der Klinik mit "Gleichgesinnten" zu verbringen (was ich inzwischen sehr zu shcätzen gelernt hatte), als nur daheim vor sich hin zu vegetieren. Ich trug immer noch meine Perücke, hatte die Haare darunter aber ganz kurz abrasiert, so dass ich nicht mehr so leicht reißen konnte. Ja, die Tagesklapse war echt ok. Die Therapeuten waren nicht so erfahren und bekannt, wie die in der Klinik zuvor, dafür aber sehr menschlich. Selbst wenn ihnen bewusst war, dass sie mit mir einen Spezialfall hatten ("Das ist ja schon eine extravagante Art der Selbstverletzung, was Sie da haben!"), gaben sie mir das Gefühl, dass sie sich wirklich bemühten. Nach 2 Monaten dort sprach meine Therapeutin mit mir über meine Zukunft. Sie wollte wissen, was ich denn gern machen würde. Ich erzählte ihr dann, dass ich mit 16 anfing, als Aushilfe im Altersheim zu arbeiten und dass ich das sehr gern gemacht hab. Damit hörte ich auf, als ich in die Klinik ging, nachdem ich die Schule abgebrochen hatte. Sie gab mir dann etwas Infomaterial über Berufe im sozialen Bereich. So kam ich dann auf Heilerziehungspfleger, und dann wurde ich mit sanfter Gewalt dazu gebracht, in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in meiner Nähe einen Termin für ein Vorstellungsgespräch auszumachen. Mit einer Mitpatientin, mit der ich mich sehr gut verstanden habe, unterhielt ich mich dann über meine Angst, ins "normale" Leben zurück zu kehren und auch vor allem über meine Bedenken bezüglich meiner Perücke. Sie brachte mich dann, mit nicht mehr ganz so sanfter Gewalt, dazu, die Perücke abzunehmen. Sie rasierte mir die Haare ziemlich kurz und färbte sie ganz blond. Das Gefühl, nach 7 Jahren nichts anderes auf dem Kopf zu haben als die eigenen Haare, war überwältigend. Das kann sich keiner auch nur ansatzweise vorstellen, der das nicht selbst kennt.
So fing ich dann also vor fast genau einem Jahr mit modischer Kurzhaarfrisur mein einjähriges Vorpraktikum an, wo ich immer noch arbeite und lebe, in einer eigenen kleinen Wohnung im Mitarbeiterwohnheim. Ich hatte große Angst davor zu scheitern, die habe ich immer noch, und ich merke an vielen Dingen, dass ich doch etwas anders bin als meine Arbeitskollegen, es ist oftmals hart für mich, jeden Tag aufzustehen und zum arbeiten zu gehen. Ich bin nicht "geheilt", ich reiße immer noch, in letzter Zeit sogar sehr viel, und mein Leben ist immer noch nicht besonders schön, ich habe ein großes Problem mit mir selbst, aber ich arbeite an mir. Ich gebe mir Mühe, jeden Tag. Es ist verdammt schwer, so zu tun, als sei man normal, damit keiner merkt, was wirklich in dir vorgeht, ich fühle mich oft allein und versinke in Gedanken, dann gibt es nur noch die Welt in meinem Kopf, wo alles ganz furchtbar ist, hoffnungslos und trist, aber ich kämpfe. Ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, nicht mehr zurück gehen, dahin, wo ich schon war. Ich habe auch hier wieder Menschen gefunden, die mich mögen und darüber bin ich froh. Das brauche ich, Menschen, die mir zeigen, dass sie mich mögen, weil ich mich selbst nicht mag. Ich hab Angst vor der Zukunft, und nichts ist einfach, nichts wird einfach so gut. Aber ich muss lernen, damit umzugehen. Auch wenn in meinem Leben nichts auf Anhieb so läuft, wie ich es mir wünsche und immer wieder neue Probleme dazu kommen, ich will die Hoffnung nie aufgeben, dass ich irgendwann glücklich sein kann.
So, ist jetzt doch etwas länger geworden, als ich angenommen hatte. Und irgendwie hört sich das echt schlimm an...aber ich lebe noch =) und deshalb möchte ich diese Gelegenheit dafür nutzen, den Leuten zu danken, denen ich das auch zu verdanken habe. Denen, die mich nie aufgegeben habe, obwohl ich selbst oft ganz kurz davor war. Denen, die mich mögen, obwohl ich so bin, wie ich bin. Ich liebe euch!
Mama, Anja, meinen Großeltern, Oli, Armin, Claudi, Coschi, Sina, Ebse, Phoebe, Anne, Ute, Alex, allen 3 Sandras (ganz besonders Sandra R.), Conni, Dave , Maria und Evi, der guten Seele *g*.
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25/06/2005
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