Meine Geschichte
Hallo, ich heiße Sonja und bin 22 Jahre alt. Trich habe ich jetzt seit knapp
10 Jahren. Damals fing es relativ harmlos an, ich habe angefangen, mir die
Wimpern auszurupfen. Nicht alle auf einmal, immer nur mal ein paar. Mit der
Zeit wurde es schlimmer, bis irgendwann keine Wimpern mehr da waren. Da bin
ich zu den Augenbrauen übergegangen. Dabei ist es dann erstmal geblieben,
immer war es mal mehr, mal weniger schlimm. Mit der Zeit habe ich gelernt,
diese kahlen Stellen durch geschicktes Schminken zu kaschieren.
Seit zwei Jahren muss nun auch das Kopfhaar dran glauben.
Ungefähr zu diesem Zeitpunkt habe ich angefangen, nach Hilfe zu suchen.
Zuerst in Gesprächen mit dem Pastor in meiner Kirchengemeide (er hat eine
therapeutische Ausbildung), und vor ca 10 Monaten habe ich eine Therapie
angefangen (dazu später mehr).
Aber wie konnte es dazu kommen?
Wie sich herausgestellt hat, liegt die Hauptursache wohl in meiner Kindheit.
Psychoterror in der Schule wegen meiner Religion (aktives Christentum- war
und ist wohl out) und ein schwieriges familiäres Umfeld, das irgendwann im
Rausschmiß von zuhause gipfelte.
So findet sich dann auch die schlimmste Erfahrung, die ich mit Trich gemacht
habe, in meiner Familie wieder.
Damals hatte ich mir durch das Reißen meinen Ponyansatz um ca 8 cm nach oben
verschoben. Das sah ziemlich schlimm aus, demzufolge hatte ich von den
hinteren Kopfhaaren welche abgeschnitten und drüber frisiert. Dann konnte ich
nur noch warten und hoffen, dass die Haare schnell nachwachsen würden. Zu der
Zeit hatte ich schon meine eigene Wohnung, aber jedesmal, wenn ich meinen
Vater sah, hat er sich das Recht genommen, meinen mühsam frisierten Pony
hochzuheben, um die "Lage zu sondieren". Egal was ich gesagt habe er hat
weitergemacht. Das war echt so peinlich. Es hat mich sehr verletzt und mir
sehr wehgetan, dass mein Vater diesen Rest an Würde und Intimsphäre von mir
nicht geachtet hat. Taktgefühl? Nicht die Spur.
Ich finde es wirklich erstaunlich zu sehen, wie manche Menschen damit
umgehen, dass ich Trich habe. Da sind meine zwei besten Freundinnen, die mich
und meine Krankheit so akzeptieren, wie ich bin, und mir Ihre Hilfe anbieten.
Da war mein Ex-Freund, der tatsächlich von mir verlangt hat, das Reißen für
IHN aufzuhören - wo ich es doch noch nicht mal für MICH tue !
Da sind meine Eltern, die auf meinen Erklärungsversuch geantwortet haben, ich
sollte mich gefälligst nicht hinter einem Krankheitsbegriff und anderen
Betroffenen verstecken, es wäre schließlich mein Problem. Und da sind die
Arbeitskollegen und Bekannten. Für viele scheint Takt ein Fremdwort zu sein,
ich werde mit schiefen Blicken oder dämlichen Kommentaren bedacht. Als wäre
das nicht auch so schon unangenehm genug.
Trich zu haben bedeutet für mich eine extreme Einschränkung im Alltag.
Zwar habe ich mit der Zeit gelernt, durch Hüte, Kopftücher, Schminke und
entsprechende Frisuren das meiste zu kaschieren, aber das macht es nicht
leichter. Mein Selbstbewußtsein har unheimlich gelitten, genau wie die Optik.
Es ist schon eine Überwindung, morgends in den Spiegel zu schauen.
Dazu kommen dann noch Verzweiflung, Ekel, Scham, Selbsthass usw.
Ich merke, wie mich diese Krankheit isoliert, da ich krampfhaft versuche,
Situationen zu vermeiden, in denen ich "entdeckt" werden könnte. So habe ich
in letzter Zeit z.B. kein Badminton mehr gespielt, ich gehe nicht mehr
schwimmen, Spazierengehen fällt auch aus, der Wind könnte ja meine Frisur
zerstören.
So, jetzt aber noch etwas zu meiner Therapie.
Seit 10 Monaten mache ich jetzt eine Verhaltenstherapie. Wir versuchen, die
verschiedenen Funktionen des Reißens herauszufinden und Alternativlösungen zu
suchen.
Hier ein paar Beispiele:
Funktionen sind...
...Ausdruck von Wut, Aggression und Hass
( mir selbst gegenüber, im allgemeinen, bezüglich meinen Eltern)
... Spannungsabbau
... Verdrängung von unerwünschten Empfindungen (Trauer, Einsamkeit usw.)
... Machtausübung ( das Reißen gehört mir allein, es kann kein anderer
beeinflussen)
... Beschäftigung
Alternativen sind z.B. ....
.... Spannungsabbau durch Entspannungstraining, körperl. Anstrengung (joggen,
putzen...), schreien/brüllen bzw. etwas an die Wand werfen, Massage, Analyse
der Situation (was passiert hier, was empfinde ich, was kann ich tun)
.... üben, Gefühle wahrzunehmen und zu akzeptieren
....Hände beschäftigen durch stricken, häkeln oder jonglieren
usw.
Mir tun die Therapiestunden unglaublich gut. Vieles kann ich verarbeiten, und
es gibt einen Raum, in dem ich ich sein kann, wo ich nicht mit "dummen" oder
taktlosen Fragen rechnen muss. Jemand passt auf mich auf, wenn ich es nicht
kann.
Deshalb möchte ich Euch Mut machen, nach Hilfe zu suchen. Wenn Ihr Euch für
eine Therapie interessiert, hier noch eine Bitte: sucht solange nach einem
Therapeuten, bis Ihr einen gefunden habt, dem Ihr wirklich vertraut, dann ist
schon viel gewonnen....
Auch wenn ich Trich bisher noch nicht im Griff habe, ich werde nicht
aufgeben. Ich weiss, dass ich es schaffen kann.
Gebt nicht auf, ich tue es auch nicht.
Sonja
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