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Die medikamentöse Behandlung von Trichotillomanie
Trichotillomanie wird, wie viele andere Zwangsstörungen, öfter mit Medikamenten behandelt, mit variierendem Erfolg. Welche Medikamente eingesetzt werden, welche Wirkungen und Nebenwirkungen sie haben und andere Fragen zu diesem Thema werden im folgenden Kapitel geklärt.
Eine ganze Anzahl von Medikamenten wird bereits für die Behandlung
von Trichotillomanie eingesetzt, mit variierendem Erfolgsgrad. Es
kann eine sehr starke Verbesserung geben, und der Drang zum Reissen
könnte verschwinden. Es kommt jedoch öfter vor, dass eine
teilweise Besserung eintritt und es kann unglücklicherweise
sogar dazu kommen, dass das Medikament unwirksam ist.
Obwohl die medikamentöse Behandlung sicherlich hilfreich sind,
so "heilen" sie Trichotillomanie nicht in dem Sinne, wie
ein Antibiotikum eine Krankheit "heilt". Wenn man mit die
Medikamente absetzt, setzt das Haareausreissen oft wieder ein - besonders,
wenn nicht auch noch gleichzeitig auf eine Verhaltenstherapie gesetzt
wurde. Des weiteren kann es sein, dass nach anfänglichem Erfolg
die Wirkung auch trotz Weiterführen der Behandlung nachlässt.
Wie andere chronische Erkrankungen auch kann die Trichotillomanie
Jahre lang anhalten und eine langfristigere medikamentöse Behandlung
kann notwendig werden.
Fragen zur medikamentösen Therapie
Welche Mittel werden gegen Trichotillomanie eingesetzt?
Es gibt eine ganze Anzahl von Medikamenten, die sehr vielversprechend
in der Behandlung von Trich sind. Es handelt sich bei diesen Mitteln
um Antidepressiva, die den Effekt eines chemischen Neurotransmitters,
nämlich den des Transmitterstoffes Serotonin, entscheidend verstärken.
Antidepressiva sind unter anderem Clomipramin (Anafril), Fluoxetine
(Prozac), Fluvoxamine (Luvox), Paroxetine (Paxil) und Sertraline
(Zoloft). Diese sind auch die selben Medikamente, die bereits erfolgreich
gegen OCD eingesetzt werden.
Es muss keine Depression vorliegen, damit die Medikamente wirken!
Man sollte jedoch nicht vergessen, dass selbst die am besten untersuchten
Medikamente gegen Trichotillomanie im Grunde noch gar nicht gut untersucht
sind - erst recht nicht, was die Langzeiteffekte betrifft.
Clomipramin ist ein häufig verwendetes Mittel gegen Trichotillomanie.
Obwohl es bislang nur bei der Behandlung von OCD anerkannt ist, ist
es ein sehr effektives Antidepressivum.
Die üblichen Nebenwirkungen sind hier Mundtrockenheit, Verstopfung
und eine erhöhte Herzfrequenz. Andere mögliche Nebenwirkungen
können erhöhte Schweißbildung sein, Probleme beim
Wasserlassen, Gewichtszunahme, verschwommene Sicht, sexuelle Dysfunktionen
und erniedrigter Blutdruck, was sich bemerkbar macht durch Schwindelgefühl
oder, selten, durch Ohnmacht.
Wenn es zu Nebenwirkungen kommt, so legen sich diese wieder, nachdem
der Patient sich an die Behandlung gewöhnt hat. Der Gewichtszunahme
kann durch eine geeignete Diät und Sport entgegengewirkt werden.
Dieses und die sexuelle Dysfunktion gehören zu den eher länger
anhaltenden Nebenwirkungen.
Die Medikamente, die zur Behandlung von Trich eingesetzt werden,
gehören hauptsächlich zur Gruppe der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern
(SSRI). Dazu gehören Fluoxetin, Fluvoxamin und Sertralin. Manche
Mediziner haben sie als wirksam befunden bei Trich, aber sie wurden
noch nicht als effektiv nachgewiesen in wissenschaftlichen Studien.
In der Zukunft werden sie hoffentlich noch mehr untersucht.
Die üblichen Nebenwirkungen der SSRI sind unter anderem Kopfschmerzen,
Magen-Darm-Beschwerden, Nervosität, Angstzustände, Schlafprobleme
und ein Herabsetzen der Libido (macht sich bemerkbar durch sexuelle
Dysfunktionen). Wie auch mit Clomipramin, werden diese Nebenwirkungen
schwächer, wenn sich der Patient an die Medikation gewöhnt
hat.
Folgendes bitte beachten:
SSRI sind keine Beruhigungsmittel, verändern nicht die Persönlichkeit
und haben kein Suchtpotential.
Gibt es andere Medikamente, um Trichotillomanie zu behandeln?
Ja, obwohl deren Effizienz noch weniger nachgewiesen ist. Studien
mit Naltrexone (ReVia), einem Mittel, mit dem gegen Alkoholsucht
angegangen wird, zeigen, dass dieses auch bei Trichotillomanie wirksam
sein kann. Seit kurzem gibt es Studien über Venlafaxine (Effexor),
ein Antidepressivum, dass auch gegen Trich wirksam sein soll. Es
gibt auch Berichte über Lithium, welches helfen soll; es wurde
aber nur an wenigen Patienten versucht. Offenbar liegt die Wirkung
des Lithium an seinem stabilisierenden Effekt auf Laune und Impulsivität.
Lithium ist ein einfaches chemisches Element, welches als Stabilisierer
für Menschen mit manisch-depressiver Störung (bipolare
Störung) ein sehr hilfreiches Mittel darstellt. In einer Studie
erwies sich Lithium als sehr vielversprechend bei Trichotillomanie.
Lithium wird viel seltener eingesetzt als andere Medikamente.
Auch über die Wirkung von Steroid-Cremes gibt es berichte. Diese
werden auf die Kopfhaut gegeben und können so dem Juckreiz und
den Schmerzen, die durch das Haareausreißen entstehen können,
entgegenwirken. Diese Cremes können besonders gut in Kombination
mit einer medikamentösen und/oder verhaltenstherapeutischen
Behandlung helfen.
Es gibt sehr viele Berichte, aber keine wirklich wissenschaftlichen
Belege dafür, daß auch andere Mittel bei Trich eingesetzt
werden können. Diese beinhalten Tranquilizer (oder auch Neuroleptika
genannt) wie zum Beispiel Haloperidol (Haldol) und Pimozid (Orap);
Mittel gegen Nervosität und Ängste wie Buspiron (BuSpar);
Benzodiazepine wie Alprazolam (Xanax), Clonazepam (Klonopin), Diazepam
(Valium), Lorazepam (Ativan) und andere.
Therapeuten, die sich mit Trichotillomanie auskennen, sollten die
neuesten Mittel kennen.
Heilen die Medikamente von Trichotillomanie?
Nein, die Trichotillomanie kann nicht dadurch "geheilt" werden.
Die Medikamente können lediglich helfen, die Impulse besser
zu kontrollieren.
Bei Trichotillomanie-Patienten, können diese bei folgendem helfen:
- Die Kondition verbessern
Medikamente gegen Trich können den Zustand allgemein verbessern,
also den Drang und den Impuls, sich die Haare auszureissen,
erheblich vermindern.
- Rückfällen
vorbeugen
Die Medikamente können die Häufigkeit und/oder die
Heftigkeit der Rückfälle stark abmindern.
Der Fakt, dass diese Medikamente eher zur Kontrolle als zur völligen
Heilung dienen, ist zu beachten. Es bedeutet nämlich, dass beim
Absetzen der Medikamente, die Symptome wie Haareausreissen und Stress
wieder auftauchen können.
Die Methode, bestimmte Störungen eher zu kontrollieren, als
sie heilen zu wollen, wird relativ häufig angewendet. Das bekannteste
Beispiel ist vielleicht die Benutzung des Insulin bei Menschen, die
an Diabetes leiden. Das Insulin heilt seine Kondition zwar nicht,
aber es hilft ihm dabei, ein normales Leben zu führen. Hört
man auf, Insulin zu geben, tauchen die Symptome wieder auf. Obwohl
das Insulin viele der Symptome wegnimmt und viele der schädigenden
Effekte verhindert, so ist die Diabetes selbst noch da. Andere Beispiele,
bei denen die Störung kontrolliert wird, sind Arthritis, Bluthochdruck
oder Herzfehler.
An wen sollte ich mich wenden, um Medikamente zu bekommen?
Am besten wenden Sie sich dazu an einen Facharzt, das bedeutet an
einen Neurologen oder Psychiater. Er kann Ihnen die geeigneten Mittel
verschreiben.
Welches Medikament ist für mich am besten geeignet?
Ein Therapeut, der Erfahrung mit der medikamentösen Behandlung
von Trich hat, wird Ihnen am besten helfen können. Indem er
die einzelnen Symptome wie Haareausreissen und eventuell vorliegende
Depressionen auswertet, kann er Ihnen das geeignete Mittel geben.
Welches Sie bekommen, hängt natürlich auch von den Nebenwirkungen
ab. Er wird das Medikament also ganz nach Ihren Bedürfnissen
aussuchen, eines, dass die größten Erfolgschancen bietet
und gleichzeitig ein niedriges Potential an Nebenwirkungen besitzt.
Mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern gegen den Zwang
Bewährt haben sich vor allem Medikamente aus der 'zweiten
Generation' der Antidepressiva, die spezifischen Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren
(SSRI).
von: A. S. Klahre Priv.-Doz. Dr. A. Deister
Erstellt am: 15.06.2001 (aus: www.yavivo.de)
Wirkung
SSRI steigern die Konzentration des Botenstoffs Serotonin im Gehirn.
Sie sind gut verträglich und bei Überdosierung sicher.
Sie beseitigen nicht nur die Symptome der unipolaren Depression
(Major Depression), sondern auch die bei Zwangssyndromen, Panikstörung
und sozialer Phobie. SSRI sind bei diesen Störungen sogar
dann wirksam, wenn keine depressiven Symptome vorhanden sind.
SSRI sind keine Beruhigungsmittel, verändern nicht die Persönlichkeit
und haben kein Suchtpotential.
Wirkungseintritt
Bei der Therapie der Zwangsstörungen sollen mindestens vier
bis sechs Wochen abgewartet werden, bevor mit einer Wirkung gerechnet
werden kann. Ist nach zehn bis zwölf Wochen keine Veränderung
zu erkennen, sollte das Präparat gewechselt werden.
SSRI müssen langfristig eingenommen und beim Absetzwunsch
langsam über Monate reduziert werden. Nach Absetzen kommt
es bei etwa 80 Prozent der Patienten binnen zwei Jahren zum Rückfall
in die ursprüngliche Symptomatik. Die Gründe dafür
sind unklar.
Die Behandlung wird dann als erfolgreich angesehen, wenn die Patienten
sich subjektiv fähig fühlen, die Symptome zu kontrollieren.
Allein die Ahnung, wieder weitgehend ohne Zwänge leben zu
können, erleben viele als überwältigend.
Nebenwirkungen
SSRI können anfänglich Nebenwirkungen aufweisen, diese
klingen jedoch nach spätestens zwei, drei Wochen ab. SSRI
können Unruhe und Schlafstörungen verstärken. Antidepressiva
unterscheiden sich stark bezüglich ihrer Wirkungen auf den
Schlaf.
Eine mögliche Nebenwirkung aller Antidepressiva, die den Serotoninspiegel
erhöhen, sind sexuelle Funktionsstörungen (Libidoverlust,
Orgasmusstörungen).
Ein weiterer Effekt ist von allen Antidepressiva gut bekannt: Eine
Kombination mit Alkohol ist insbesondere zu Therapiebeginn mit
ausgeprägter Benommenheit und gestörten psychomotorischen
Fähigkeiten verbunden.
Weitere anfänglich mögliche Nebenwirkungen aller SSRI: Übelkeit,
Kopfschmerzen, verstärkte Transpiration, Interesselosigkeit
und Gleichgültigkeit.
Dosierung
Anlässlich eines Symposiums der American Psychiatric Association
(APA) im Mai 1999 in Washington/USA, erläuterte Dr. J.H. Greist,
Middleton, den aus praktischer Sicht wichtigen Hinweis, dass mit
niedrigen Dosierungen begonnen und erst bei unzureichender Wirksamkeit
nach einer längeren Beobachtungsdauer die Dosis vorsichtig
erhöht werden soll. Damit sollen einerseits Nebenwirkungen
minimiert werden, andererseits liegen dieser Empfehlung klinische
Studienergebnisse zu Grunde, wonach die Dosis-Wirkungsbeziehung
nicht ganz überzeugend war.
Substanzen:
Citalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Paroxetin, Sertralin
Eine Selbstmedikation bei Zwängen ist gefährlich!
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