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Die Konzentrative Bewegungstherapie
(KBT)
Diese körperorientierte Form der Psychotherapie geht den Weg
der bewussten Körperwahrnehmung im "Hier und Jetzt" -
auf dem Hintergrund der individuellen Lebens- und Lerngeschichte.
Gesunde Anteile und Störungen werden erlebbar, in ihrer Bedeutung
verstehbar und damit der psychotherapeutischen Bearbeitung zugänglich.
Hintergrund und Geschichte
Konzentrative Bewegungstherapie ist eine leiborientierte psychotherapeutische
Methode, bei der Wahrnehmung und Bewegung als grundlegende Elemente
für das Fühlen, Handeln und Denken gelten.
Die Konzentrative Bewegungstherapie hat ihren Anfang im Berlin
der zwanziger Jahre genommen. Elsa Gindler, eine Gymnastiklehrerin,
war mit einigen anderen, auf der Suche nach einer Veränderung
der gängigen Gymnastik.
Zu Beginn der 50iger Jahre hat Helmuth Stolze, ein Münchner
Arzt und Psychoanalytiker, der auf der Suche war einer die Psychoanalyse
ergänzenden Methode, die den Körper oder besser den Leib
der Patienten mit in die Therapie mit einbeziehen könnte,
diese Bewegungsarbeit kennengelernt und ihr die Bezeichnung "Konzentrative
Bewegungstherapie" gegeben. Sie wurde zu diesem Zeitpunkt
erstmals in Deutschland auch im klinischen Bereich erprobt und
verbreitet (u.a. von MIRIAM GOLDBERG und CHRISTINE GRÄFF).
Mittlerweile besteht kein Zweifel mehr darüber, dass spezifische
Bewegungstherapie psychotherapeutisch wirksam ist, und manche Psychotherapie-Patienten
und insbesondere psychosomatisch erkrankte Patienten etwas anderes
als Worte und Sprache brauchen, um sich selbst zu erkennen und
mit sich selbst und anderen in Berührung zu kommen.
An dieser Stelle verbinden sich die beiden Wege der sprechenden
Psychotherapie und der Bewegungstherapie. Der verbindende Grundgedanke
ist, dass alles Erleben an die Sinne gebunden ist und Erkenntnis
beim Leib und seinen Sinnen ansetzt, wie es Stolze und Petzold
unabhängig voneinander formulierten.
Die Methode der KBT
Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) ist eine leiborientierte
psychotherapeutische Methode, bei der Wahrnehmung und Bewegung
als Grundlage von Erfahrung und Handeln genützt werden.
Sie kann sowohl gruppen- als auch einzeltherapeutisch angewendet
werden. Auf der Basis entwicklungs- und tiefenpsychologischer
sowie lerntheoretischer Denkmodelle werden unmittelbare Sinneserfahrungen
verbunden mit psychoanalytisch orientierter Bearbeitung.
Grundlage der therapeutischen Arbeit ist die bewusste Wahrnehmung
des eigenen Körpers in Ruhe und Bewegung, allein für
sich oder im gemeinsamen Handeln mit andern (Therapeut/in oder
der Gruppe).
Auf der Basis des Experimentierens mit den vier Grundhaltungen
des Menschen - Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen - können Patienten/
Klienten die eigenen Bewegungs- und Wahrnehmungsmuster und deren
emotionale Bedeutung erkennen. Lebensinhalte werden aktualisiert,
erfahrbar und "begreifbar". Auf spielerische Weise eröffnen
sich neue Handlungsmöglichkeiten und -spielräume. Anschließende
Gespräche ermöglichen es, die gewonnenen Erfahrungen
zu besprechen, zu vertiefen und in einen Sinnzusammenhang zu stellen.
Die Körpererfahrung wird ergänzt durch den Umgang mit
Gegenständen, die neben der ganz konkreten auch symbolische
Bedeutung gewinnen können (z. B. Bälle, Stäbe, Seile
etc.). Im Umgang mit Materialien und Personen (Objekten) wird,
neben den realen Erfahrungen, ein symbolisierter Bedeutungsgehalt
erlebbar.
Die differenzierte Wahrnehmung ermöglicht ein Vergleichen
eigener Einstellungen und eigenen Verhaltens zu verschiedenen Zeiten,
in verschiedenen Situationen, im Umgang mit verschiedenen Gegenständen
und Partnern.
Im therapeutischen Gespräch wird das Erlebte in Worte gefasst,
reflektiert und im Zusammenhang mit der Lebensgeschichte betrachtet.
Im bewussten Erleben des eigenen Körpers werden Erinnerungen
und Gefühle reaktiviert, die im Laufe des Lebens ihren Ausdruck
in Körperhaltung, Bewegung und Verhalten gefunden haben; diese
können bis in die frühe Kindheit zurückreichen.
Durch die konzentrative Beschäftigung mit frühen Erfahrungsebenen
(einfühlend und handelnd) werden Erinnerungen belebt, die
im körperlichen Ausdruck als Haltung, Bewegung und Verhalten
erscheinen, und die bis in die vorverbale Zeit zurückreichen
können.
Die KBT bietet so die Möglichkeit, sich nicht nur über
den Kopf und das Gespräch mit sich zu beschäftigen, sondern
am eigenen Leib lebensgeschichtliche und aktuelle Zusammenhänge
ganz konkret zu spüren und zu begreifen.
Im geschützten therapeutischen Raum können neue Verhaltensweisen
erprobt werden. Es gibt kein "richtig" oder "falsch",
sondern das jeweilige individuelle Erleben. Es geht darum, das
Eigene auch im vermeintlich Fremden zu entdecken und entsprechend
den jeweiligen Möglichkeiten zu entwickeln.
Das Erproben neuer Wege kann fixierte Haltungen und Fehlerwartungen
abbauen. Die Fähigkeit, zu wählen und zu entscheiden,
wird wiedergewonnen und weiterentwickelt. Wesentlich ist dabei
- in Abhebung von anderen psychotherapeutischen Verfahren -, dass
Leibliches die Grundlage und das Beziehungsfeld für individuell-eigengesetzliche
physische, psychosomatische und psychische Abläufe bildet.
Die aktualisierten Inhalte werden so konkret erfahrbar, die Problematik
wird "begreifbar" und kann weiter bearbeitet werden.
Dies kann durch Auseinandersetzung mit der Körpererfahrung
im Hier und Jetzt geschehen, oder durch verbale Interpretation
der aus bewusster und unbewusster Lebensgeschichte aufgetauchten
Inhalte.
Auf beiden Wegen können sich Veränderungen im Sinne
einer Persönlichkeitserweiterung entwickeln.
Ü
ber die Sensibilisierung der körperbezogenen Wahrnehmung eröffnet
sich ein Erfahrungsspielraum, der unmittelbare leibliche Erfahrungen
vermittelt. Das "leibliche" meint, dass über das
Zusammenkommen von subjektiver körperlicher Wahrnehmung und
dem Auftauchen oder Vorhanden sein von Körpersymptomen, ein
Verstehenszugang zu krankmachenden Prozessen gewonnen werden kann.
Dieser Zugang wird zunächst über konkrete Erfahrungen
im Hier und Jetzt auf folgenden Ebenen angestrebt: der
- leiblichen Ebene
- Beziehungsebene
- symbolischen Ebene
- Handlungsebene
- der Ebene von Raum und Zeit.
Stets ist das Aufeinanderfolgen von wahrnehmen, fühlen,
denken, handeln und sprechen gegenwärtig. Aus diesem Grunde
ist die Konzentrative Bewegungstherapie keine averbale Methode.
Der Verzicht
auf Sprache und Worte, genauso wie das zeitweilige Augen schließen,
dient dazu, der kinästhetischen Wahrnehmung Vorrang einzuräumen
und die Besinnung auf sich selbst, sozusagen den Blick nach innen
und den inneren Dialog zu bahnen. Daran schließt sich das
Verbalisieren, das "Verwörtern" der Erfahrungen
an. Gerade das Aussprechen, das in Worte fassen von Erfühltem
hilft, es in den therapeutischen Prozess zu integrieren und darauf
aufzubauen. Hierbei ist der wichtige Faktor der Beziehungsaufnahme,
des "Sicht-Mitteilens" enthalten.
Anwendungsmodus der Konzentrativen Bewegungstherapie
Die KBT kann in Gruppen- und in Einzeltherapie angewendet werden.
In der Regel haben die Patienten zwei KBT-Termine in der Woche
(Gruppe 90 Minuten, Einzeltherapie 50 Minuten.).
Alle Patienten, für die die Indikation zur KBT gestellt wird,
erhalten ein Vorgespräch von der KBT-Therapeutin. In diesem
Gespräch findet ein erstes Kennenlernen von Patient und Therapeutin
statt. Die Patienten erhalten eine Erklärung über Inhalt,
Absicht und Vorgehensweise der KBT. Die Therapeutin trifft eine
erste diagnostische Einschätzung und fokussiert einen ersten
Zugang zu der Problematik des Patienten.
Ein Beispiel aus der Praxis
Das Geschehen in einer Therapiestunde kann man sich in einem spiralförmigen
Prozess vorstellen. Ein Beispiel:
Ich beginne mit dem Vorschlag im Raum zu gehen. Ich fordere die
Patienten dazu auf wahrzunehmen, wie sich das Gehen anfühlt.
Es könnte schwerfällig, leichtfüßig, schleppend
oder federnd sein. Während des Gehens fordere ich dazu auf,
sich im Raum umzuschauen und auch nach draußen zu schauen,
wahrzunehmen was bei dem Blick aus dem Fenster, ins Auge fällt.
Die Patienten können feststellen, wo sie sich im Moment mit
ihrer Aufmerksamkeit befinden: mehr im Raum, bei sich oder mehr
draußen. Welche Gefühle herrschen im Moment vor?
Nun lenke ich mit meiner Anleitung die Wahrnehmung direkter zu
den körperlichen Empfindungen. Zum Atem, zu den Fußsohle,
den Fersen, den Fußgelenken. Welche Informationen erhalten
die Kniegelenke, die Hüftgelenke, die Wirbelsäule usw.?
Danach fordere ich dazu auf, innezuhalten, nachzuspüren und
zu vergleichen.
Im ersten Gruppengespräch nach dieser Körpererfahrung
berichten die Teilnehmer von ihren Erfahrungen auf der leiblichen
und der gefühlshaften Ebene.
Aus diesem Gespräch heraus entwickelt sich das nächste
Thema im Gruppenprozess:
Abschied - Trennung - Neubeginn.
Zum einen, weil sich auf der leiblichen Ebene die Phänomene
der Trennung und des Neubeginns bei jedem Schritt einstellen; lebensgeschichtlich
bildet sich ein gemeinsames Thema der Patienten ab, außerdem
steht das Thema der Entlassung aus der stationären Therapie
für einige Patienten an. Das KBT-Angebot ist eine Partnerarbeit,
bei der einer der Partner die Augen schließt und der andere
mit offenen Augen diesen durch den Raum führt. Die Teilnehmer
können nun erkunden
- Wer
von den beiden Partnern führt?
- Welche
Gefühle begleiten den Geführten
oder die Führende?
- Wie
aufgehoben, ausgeliefert, selbstbestimmt, eingeengt, vereinnahmt
fühlt sich der einzelne?
- Was
passiert, wenn der eine den anderen einmal für eine kurze Weile alleine lässt,
sich trennt
- Wie
fühlt es sich an wen er/sie wieder
kommt oder eine andere Person u.s.w.
Im Anschluss an diesen Handlungsteil oder Erfahrungsteil erfolgt
wieder das Gruppengespräch. Die Patienten sprechen nun Dinge
an, die auf der therapeutischen Ebene in die Kategorien Körperdialog,
Körpererinnerung, Körpererfahrung, Körperbild, und
Körperschema eingeordnet werden können. Es besteht die
Möglichkeit die Erfahrungen auf der Ebene der konkreten Erfahrungen
im Hier und Jetzt zu besprechen oder auch an die Erfahrungen des
Patienten aus seiner Lebensgeschichte anzuknüpfen.
Forschung
In den letzten Jahren wurden erste wissenschaftliche Untersuchungen
zur Wirksamkeit der KBT-Methode im Rahmen von Universitäten
und Kliniken durchgeführt.
Zusammenfassung
Die KBT ist eine leiborientierte psychotherapeutische Methode für
Gruppen- und Einzelpsychotherapie auf der Basis entwicklungs- und
tiefenpsychologischer sowie lerntheoretischer und systemischer
Denkmodelle. Bewegung wird verstanden als "Das Sich-Bewegen",
das Erlebnis der Bewegung, als "Bewegt-Sein", das innerlich
Bewegende und Bewegte und als "Auf-dem-Weg-sein", d.h.
die schrittweise Entfaltung bei der Überwindung tatsächlicher
und/oder phantasierter äußerer und innerer Hemmnisse.
Ausgehend von der Theorie, dass sich Wahrnehmung zusammensetzt
aus Sinnesempfindung und Erfahrung, geht die KBT den Weg der bewussten
Körperwahrnehmung im "Hier und Jetzt" - auf dem
Hintergrund der individuellen Lebens- und Lerngeschichte. Gesunde
Anteile und Störungen werden erlebbar, in ihrer Bedeutung
verstehbar und damit der psychotherapeutischen Bearbeitung zugänglich,
mit jeder Belebung des Wahrnehmens wird gleichzeitig eine innere
Bewegung ausgelöst.
Mit jeder Bewegung wird Wahrnehmung belebt (Gestaltkreislehre).
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