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Was ist Trichotillomanie?
Trichotillomanie
wird allgemein als Störung der Impulskontrolle bezeichnet. Zu
dieser Gruppe gehören Pyromanie, Kleptomanie und das pathologische
Spielen, auch als Spielsucht bezeichnet. Wie genau die Störung klassifiziert werden muss, wird derzeit noch kontrovers diskutiert.
Die offizielle Definition
Trichotillomanie wird offiziell so definiert:
- Sich
wiederholende und unwiderstehliche Impulse, sich die eigenen
Haare auszureißen, mit der Folge sichtbaren Haarverlustes.
-
Verstärktes
Gefühl von Spannung unmittelbar vor dem Haarausreißen.
-
Eine
Befriedigung oder Erleichterung während des Haareausreißens.
-
Kein Zusammenhang
mit einer vorher vorhandenen Hautentzündung und keine
Reaktion auf Wahnvorstellungen oder Halluzinationen.
- Die Störung verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen.
Oft wird Trichotillomanie
fälschlicherweise der allgemeinen Zwangsstörung zugeordnet;
dies ist insofern nicht richtig, da sich Zwangsstörungen
und diese Störung in verschiedenen Punkten unterscheiden.
Der wichtigste Unterschied ist dabei das angenehme Gefühl,
das sich während des Reißens bemerkbar macht; dieses
ist bei Zwangsstörungen nicht vorhanden. Auch haben die
Betroffenen nicht den Wunsch, aufzuhören. Daher sollte man
sie eher als Verwandte der Zwangsstörung bezeichnen, denn
völlig gegensätzlich sind sie natürlich nicht.
Man bezeichnet die Trichotillomanie auch als Zwangsspektrumsstörung.
Es gibt Trichotillomanie-Patienten, die nebenbei auch an OCD (Obsessive Compulsive
Disorder = klassische Zwangsstörungen) wie zwanghaftes Zählen z.
B. leiden. Trichotillomanie wird teilweise als eine Unterart der Zwangsstörung
angesehen, denn es gibt Medikamente, die sowohl bei Trich als auch bei OCD
helfen können. Allerdings, wenn man Trich als ein Symptom von OCD betrachten
würde, spräche dagegen, dass bei Trich überwiegend Frauen betroffen
sind. Die Verteilung der Geschlechter ist also einseitig, nicht so aber bei
OCD und den anderen Zwangsstörungen.
Man beobachtet die Depression üblicherweise als Begleiterscheinung bei
Trich. Diese wird durch Minderwertigkeitsgefühle hervorgerufen, die aus
den Hänseleien resultieren. Es gibt manchmal auch eine direkte neurochemische
Beziehung zwischen der Depression und Trich.
Die Krankheit und ihre Merkmale
Unruhe oder Spannung kurz vor dem Ausreißen der Haare sind häufig
die genannten Auslöser. Daher bezeichnen viele das Reißen als eine
Art Entspannung, im allgemeinen sind es immer angenehme Gefühle, die mit
dem Haareausreißen verbunden werden. Jedoch verhindert die Angst vor
einer Glatze das Anhalten dieses entspannten Zustandes.
Typisch für Trichotillomanie ist das Spielen mit den Haaren, nachdem sie
ausgerissen wurden; viele streichen damit über die Lippen, durch den Mund
oder ziehen die Haare durch die Finger.
Beim Extremfall der Trichotillomanie, den man auch als Trichophagie bezeichnet,
essen die Betroffenen sogar die Haare; es bilden sich in seltenen Fällen
so dichte Haarknäuel im Magen-Darm-Trakt, daß sie nur durch eine
Operation entfernt werden können. Auch sind schon Fälle vorgekommen,
in denen die Betroffenen an ihren Haarknäueln im Magen gestorben sind.
Es gibt aber auch viele, die das Haar zwar nicht essen, zumindest aber die
Wurzel abbeißen. Bei diesen Leuten spielt die Wurzel als solche eine
sehr wichtige Rolle.
Das Haar wird vorher genau ausgesucht, es wird nach Kriterien wie Rauheit oder
sonstigen Besonderheiten ausgesucht und dann ausgerissen; es gibt immer bevorzugte
Stellen, die aber auch wechseln können; daher sind die kahlen Stellen
oft "gut verteilt", um den Haarverlust nicht unbedingt an einer Stelle
so krass zu halten. Es können alle behaarten Partien am Körper betroffen
sein.
Für die meisten Menschen, die an Trich leiden, ist das Haareausreißen nicht schmerzhaft. Es
handelt sich also nicht unbedingt um eine Störung mit wichtigem Schmerzfaktor, wie oft
behauptet wird. In den meisten Fällen geht es gar nicht um den Schmerz, sondern um die
angenehmen Gefühle, die dabei entstehen - paradoxerweise.
Das Reißen ersetzt eine Befriedigung, die anders nicht gefunden werden
kann. Teilweise wurde Trichotillomanie schon als eine Art Übersprungshandlung
(ein Begriff aus der Verhaltensbiologie) definiert, weil der Betroffene zwischen
zwei Trieben steht, dem, sich entspannen zu wollen, und dem sich nicht entspannen
zu dürfen. Das Reissen ist also eine Ausweichmethode, weil keine von beiden
Trieben befriedigt werden kann. Die Betroffenen reissen meistens unter Stress,
aber auch aus Langeweile.
Das Alter, in dem man mit dem Haareausreißen anfängt,
ist unterschiedlich. Das durchschnittliche Alter beträgt Studien zufolge
12-13 Jahre, jedoch gibt es genügend Fälle, in denen es auch früher
oder viel später eingesetzt hat.
Der Auslöser ist bei jedem verschieden; allgemein kann man aber meist
von einer Traumatisierung sprechen, die in der frühen Kindheit stattgefunden
hat, oder einfach von einer stressigen Zeit, Missbrauch und der Tod nahestehender
Personen sind häufig Gründe dafür; dies lässt sich aber
nicht immer beweisen, da den Betroffenen der eigentliche Anfangszeitpunkt selten
bekannt ist.
Da das Durchschnittsalter in der Pubertät liegt, könnte es sein,
daß auch Hormone dafür Gründe sein könnten. Da bedarf
es aber noch der Forschung.
Trichotillomanie hat natürlich keine einzelne Ursache,
vielmehr liegt wohl eine Kombination mehrerer relevanter Faktoren vor, so kann
es auf genetische Veranlagung zurückgehen, aber in den meisten Fällen
spielt Stress eine entscheidende Rolle. Die Forschung muss auch hier noch näher
suchen.
Die Methoden und Erfolge der Psychoanalyse werden heute stark kontrovers diskutiert.
Die Psychoanalytiker gehen von einer selbstbestrafenden Handlung aus, verursacht
durch die Identifizierung mit einer strafenden Mutter. Es wurde auch in Verbindung
mit Kastration, Onanie und anderen Entwicklungsproblemen gebracht.
Derzeit wird Trichotillomanie als eine medizinische Krankheit anerkannt. Noch
unklar ist, ob Trich als Ursache ein chemisches Missverhältnis im Gehirn
hat. Serotonin spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, auch in Bezug
auf Depressionen.
Die Probleme, die Trich mit sich bringt, liegen klar auf der Hand. Es werden
immer Versuche gestartet, das Verhalten einzuschränken oder gar zu stoppen;
mit mehr oder weniger gutem Erfolg, meist jedoch mit weniger, weil sich die
Betroffenen schnell durch Rückschläge entmutigen lassen.
Es wird mit Handschuhen herumexperimentiert, die Haare werden eingeölt,
nass gemacht oder die Fingernägel kurz geschnitten.
Durch die dauernden Misserfolge bekommen die Betroffenen meist Minderwertigkeitsgefühle,
häufig noch verstärkt durch die verständnislosen Fragen und
Bemerkungen der Familie und Freunde.
Scham und Minderwertigkeitskomplexe führen oft zu depressiver Verstimmtheit
oder zu starken Depressionen. Die Hänseleien, denen man im schlimmsten
Fall ausgesetzt ist, verstärken diesen Effekt zusätzlich und besonders
in der Pubertät kann das dramatische Folgen für die weitere Entwicklung
haben, denn das Selbstvertrauen und die zwischenmenschlichen, außerfamiliären
Beziehungen werden in dieser Zeit erstmals besonders wichtig und entwickeln
sich.
Es gibt Menschen, die trotz ihrer Krankheit heiraten und ein normales Leben
führen können, aber auch Menschen, die aus Angst vor einer Bloßstellung
jede Aktivität außer Haus meiden und so auch sozial verarmen. Die
zwischenmenschlichen Beziehungen werden vermieden oder auf ein Minimum reduziert.
Dadurch kommt es zu einer immensen Einschränkung im alltäglichen
Leben. Schwimmen oder sonstiger Sport muss vermieden werden, denn die Haare
könnten ja verrutschen oder jemand könnte trotz der besten Verdeckung
der kahlen Stellen einen darauf ansprechen. In solch sozial gesehen schlimmen Fällen muss besonders auf eine baldige Therapieunterbringung geachtet werden. Die Betroffenen können sich in Selbsthilfegruppen zusammenschließen, um so ihre sozialen Aktivitäten wieder aufnehmen zu können. |
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