|
Zurück
Kinder mit Trichotillomanie
Es ist oft ein Schock für Eltern, wenn sie merken, dass ihr
Kind sich die Haare ausreißt. Ist das Kind auch noch sehr jung,
ist der Schock vielleicht auch noch größer. Denn jeder
Elternteil fragt sich dann, warum. Sofort beginnt man sich zu fragen,
warum es ausgerechnet das eigene Kind betrifft und ob man selbst
Schuld daran trägt. Es gibt verschiedene Gründe für dieses Phänomen. Was kann man aber tun?
Im Grunde genommen können Babys sich die Haare ausreißen,
sobald sie mit ihren Händchen koordiniert greifen können,
wenn sie sich also selbst an den Kopf greifen können. Es wird
angenommen, dass es sich hierbei um eine andere Art von Trichotillomanie
handelt, als die, die später auftritt. Trich tritt im Alter
unter 6 Jahren gleich oft bei Jungen und Mädchen auf. Die Geschlechterverteilung
ist hier also ungefähr gleich. Nach den Studien zufolge verschwinden
die Symptome, also das Haareausreißen, spontaner als bei Betroffenen,
die später angefangen haben.
Es gibt auch das Phänomen, dass Säuglinge Haare essen;
es wurde bei solchen Fällen oft Eisenmangel diagnostiziert und
nachdem der Eisenmangel mit Präparaten behoben wurde, verschwanden
auch die Symptome.
Das Essen von Haaren kommt auch bei Älteren vor, hat dort aber eine andere
Ursache als Eisenmangel. Dieses Verhalten nennt man Trichophagie.
Es ist nicht belegt, dass Stress in der Familie Trichotillomanie
auslöst. Aber in den Fällen, in denen Kinder geheilt wurden,
war eine intensivere tägliche Aufmerksamkeit der Eltern für
das Kind vorangegangen. Die Fürsorge, die Liebe, die einem Kind
entgegengebracht wird, hat also einen entscheidenden Anteil an der
psychischen Entwicklung des Kindes; das bedeutet jedoch nicht, dass
Stress in der Familie oder fehlende Fürsorge unbedingt zu Trich
führen müssen. Auch ist noch nicht klar, ob es tatsächlich
zwei eindeutig differenzierbare Arten von Trich gibt. Das liegt vor
allem an den mangelnden Studien zu diesem Thema.
Die Behandlung von Kindern mit Trich würde am besten eine Verhaltenstherapie
vorsehen; die Behandlung mit Medikamenten, Psychopharmaka, ist allein
schon wegen den starken Nebenwirkungen, die eventuell auftreten könnten,
abzulehnen. Auch ist generell in einem sehr jungen Alter die Anwendung
von Medikamenten sehr zu überlegen. Die meisten Medikamente
sind erst ab einem gewissen Alter für Betroffene vorgesehen.
Bei der Behandlung der Trichotillomanie ist darauf zu achten, dass der Therapeut
auch Erfahrung mit Verhaltenstherapie für Kinder hat.
Die Frage, in wie weit die Eltern Schuld daran tragen, kann man
nicht so beantworten. Es ist wichtig, familiäre Probleme und
ernährungsphysiologische Mängel auszuschließen. Das
Verhalten des Kindes, das Haareausreißen, darf auf keinen Fall
bestraft werden. Eine ständige Bestrafung durch die Eltern führt
in jedem Fall wohl zu lebenslang andauernden Minderwertigkeitskomplexen
und das Kind fühlt sich nicht mehr von seinen Eltern verstanden.
Es ist wichtig, dass sich zwischen Kind und Eltern ein hohes Maß an
Vertrauen aufbauen kann, denn nur dann fühlt sich das Kind sicher
und nur so kann man erfolgreich eine Verhaltenstherapie ansteuern.
Wichtig zu bedenken ist, dass auf Dauer die psychische Entwicklung des
eigenen Kindes viel wichtiger sein sollte als ein paar kahle Stellen.
TIPPS FÜR ELTERN UND ANGEHÖRIGE MIT KINDERN MIT
TRICHOTILLOMANIE
Wichtig zu wissen ist, dass viele Kleinkinder aus dem Verhalten herauswachsen,
wenn es vor dem 6. Lebensjahr anfängt. Leider ist das aber für manche
nicht der Fall und daher für alle besorgten Angehörigen die folgenden
Tipps.
Als erstes: nicht verzweifeln! Es ist sehr wichtig das man einen
lockeren Umgang mit dem Problem hat. Unter keinen Umständen
sollte ein Kind, egal in welchem Alter, unter Druck gesetzt werden,
gehänselt oder sogar bestraft werden.
Die folgenden Vorschläge können durchaus vereinzelt oder
zusammen angewandt werden. Wenn eine Sache nicht hilft, nicht gleich
für immer vergessen, sondern, erst etwas anderes probieren und
dann später eventuell wieder einsetzen.
ALTER ca. 0-5
Jahre
Kinder in dieser Altersgruppe scheinen zusätzliche körperliche Stimulation
zu brauchen. Das Haareausreißen dient als ein selbstberuhigendes Verhalten
- ähnlich wie Daumenlutschen, das Hin- und Herschaukeln oder das Streicheln
eines Stofftieres. Sie lieben und brauchen viele körperliche Streicheleinheiten.
Was kann man versuchen?
- Erstens beobachten
Sie genau, zu welchen Uhrzeiten das Verhalten stattfindet.
- Baden Sie das
Kind möglichst zu diesen Zeiten. Dies ist eine andere
positive Stimulation. Spielen Sie mit den Seifenblasen,
lenken Sie die Aufmerksamkeit auf andere Körperteile.
Waschen Sie und massieren Sie lange den Kopf des Kindes.
- Nehmen Sie
eine ganz weiche Babybürste. Für Kinder, die
die Wimpern ausreißen, ist dies besonders angenehm:
Bürsten Sie über das ganze Gesicht auch andere
Körperteile.
- Öfters
am Tag die kindlichen Haare bürsten.
- Massieren Sie
den Rücken Ihres Kindes. Wenn es auf Ihrem Schoß sitzt,
streicheln Sie es viel am Kopf. Besonders wichtig ist
es zu den Zeiten, wenn das Haareausreißen problematisch
ist.
- Machen Sie
oft Fingerspiele mit dem Kind, während es eine andere
Aktivität in einer "Risikozeit" macht
(z.B. Fernsehen). Machen Sie diese Fingerspiele immer
wieder um die Konzentration und Stimulation anderweitig
zu lenken.
ALTER ca. 4-5
Hier sind tastbare "Spielsachen" angesagt. Typische kritische Haarausreißzeiten
sind Fernsehen, im Auto sitzen, und im Bett vor dem Schlafengehen. Alles was
eine interessante Struktur hat ist auszuprobieren: Sandpapier, "Kooshbälle",
Kochtopf, Schrubber, oder Samt sind einige Beispiele. Ermutigen Sie das Kind
solche Spielsachen mit sich herumzutragen und öfters anzufassen besonders
während kritischer Zeiten.
Die Idee hinter diesen Vorschlägen ist folgende: Geben Sie
Ihrem Kind besonders viel körperliche Stimulation zur den
Zeiten wenn, Trichotillomanie auftritt, um dies möglichst
zu verhindern.
ALTER ca. 5-10
Normalerweise gibt es in dieser Altersgruppe noch keine verschlechternde Selbstwertschätzung
durch die Trichotillomanie. Der Schlüssel ist, das beizubehalten.
Die Kinder brauchen viel Verstärkung und müssen wissen,
dass alle Menschen Probleme haben, und ihr Problem nicht so schlimm
ist. Das Haarausreiß-Problem ist nur ein kleiner Teil von
ihnen. Kinder mit Trichotillomanie in diesem Alter tendieren im
Winter mehr zu reißen als in Frühling oder Sommer. In
den warmen Monaten sind Kinder im allgemein aktiver und mehr draußen.
Zu einem aktivem Leben sollte man das Kind ermutigen, z.B. durch
Sport. Man bekommt automatisch viel körperliche Stimulation
die in diesem Alter auch noch sehr wichtig ist. Schwimmen wirkt
sehr stimulierend. Die Hauptsache ist Ablenkung auf andere Dinge.
Nochmals: beobachten Sie genau wann, bzw. bei welchen Situationen, Trichotillomanie
vorkommt: z. B. bei Hausaufgaben, beim Fernsehen, im Auto, im Bett liegend,
oder morgens vor dem Kleiderschrank.
Schauen Sie nach tastbaren Gegenständen die interessant sind.
Andere Beispiele: Muscheln, ein ganz glatter Stein, eine Perlenkette
oder eine "Playdough-Knete". Es muss nur irgendetwas
mit einer ungewöhnlichen Beschaffenheit sein. Wenn das Kind
etwas in der Hand hat, dann ist es unwahrscheinlicher das es Haare
ausreißt. Es ist eine gute Idee für jede kritische Zeit
ein anderes Objekt zu haben. Dadurch trainiert sich das Kind an,
sich an verschiedene Stimulationen zu gewöhnen, und das Risiko
von Langeweile ist nicht zu groß.
Experimentieren Sie mit dem Kind mit einem neuen Friseur.
Die wichtigste Mitteilung von Angehörigen ist die folgende:
Keine Angst vor dem Versagen. Man muss die Einstellung prägen,
dass, wenn eine Sache nicht klappt, dann etwas anderes ausprobiert
wird. Rückenstärkung ist alles.
ALTER ca. 11-16
In diesem Alter haben Kinder eine ganze Reihe andere Sorgen wie Identitätsfragen,
Umgang mit dem anderen Geschlecht u.s.w.. Trichotillomanie zu dieser Zeit zu
haben ist daher besonders schwer für Kinder, weil die Selbstwertschätzung
darunter sehr leiden kann. Eltern sollten sich ein bisschen zurückziehen
und das Kind mehr an sich selbst arbeiten zu lassen. Nörgeln ist das Schlimmste
was man machen kann, weil das Kind als Reaktion darauf alles abblocken könnte
und das Problem wird verstärkt.
Gute Ergebnisse wurden erzielt durch ein "Anreiz-System".
Das Kind sucht sich einen Gegenstand für eine kritische Zeit
aus. Dieser Gegendstand muss dann für die Dauer der Hausaufgaben
gehalten werden. Wenn das erfolgreich durchgeführt wurde, "verdient" das
Kind eine vorher mit den Eltern ausgemachte Belohnung. Sehr wichtig
ist das die Motivation vom Kind kommen muss. Es sucht ein Objekt
aus und die begehrte Belohnung. Es kann auch ein Punkte-System
ausgearbeitet werden das man später "einlöst " z.B.
10 Punkte gibt eine Übernachtung mit einer Freundin. Dieses
System verstärkt Verantwortung und Management, und das Kind
hält die Zügel selbst.
Der ganze Focus soll nicht das negative Verhalten sein, sondern
Alternativen. Man sollte nicht nach neuem Haarwuchs nachschauen.
Es könnte für das Kind leicht frustrierend sein, da Haare
unterschiedlich schnell wachsen, und es könnte unerwünschten
Druck ausüben. Motivation zum Weitermachen ist viel wichtiger.
Gummi-Fingerkappen (Bürobedarf) können hilfreich sein während
der Hausaufgaben. Hauptsache ist, dass das Kind mitbestimmt.
Das Kind kann versuchen bei Risiko-Zeiten einen Hut, oder ein Tuch aufzusetzen.
Sie sollten konsequent angezogen werden, und immer einen festen Platz haben,
z. B: auf dem Fernseher.
Fragen Sie Ihren Sohn
/Ihre Tochter was er/sie hilfreich fände. Wenn das Kind
sagt "Bitte nicht nachfragen", dann sollte man das
akzeptieren. Teilen Sie dem Kind aber mit, dass Sie in ein Paar
Wochen wieder fragen werden, weil es sein könnte, dass es
seine Meinung geändert hat. Es ist auch sinnvoll zu fragen,
ob man es erinnern soll wenn es mal das "Spielzeug" hinlegt
und die Haare anfasst. Zusammen könnte man eine Art "Code" ohne
Worte ausarbeiten wobei man nur mit einer Geste das Kind erinnert.
Es kann notwendig sein, zusammen mit einem Therapeuten zu arbeiten, um andere
typische Jugendprobleme zu besprechen.
Dieser Text wurde von einer Hörkassette aus dem Amerikanischen
von Ann Tomica übersetzt. Die Autorin, Dr. Ruth Goldfinger
Golomb, gab diese Tipps in einem Vortrag in Mai 1994 in den U.S.A.
Sie ist Verhaltenstherapeutin und arbeitet seit 16 Jahren mit
Kindern und seit 10 Jahren mit den Eltern der Kinder, sowie mit
Erwachsenen mit Trichotillomanie und anderen Zwangserkrankungen
zusammen. |
|
|