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Der Effekt von Trichotillomanie auf Eltern und Partner
von Sally A. Allen, Psychologin und Klinikleiterin Rosemont
Der Sinn und Zweck dieses kurzen Briefes ist es, Professionellen
und Eltern die oftmals schmerzhaften Schwierigkeiten zu schildern,
wenn es darum geht, jemanden mit Trich zu lieben. In den Jahren
in denen ich zusammen mit Trich-Betroffenen und ihren Familien
gearbeitet habe, ist mir immer aufgefallen, dass die Familie
oft vernachlässigt und ihre Bedürfnisse nicht genügend
angesprochen wurden.
Ich hoffe, im Folgenden den Profis helfen zu können, sensibler
und aufmerksamer zu werden, und dass ich den Familienmitgliedern
von Leuten mit Trich wenigstens etwas Unterstützung und
Verständnis entgegenbringen kann.
Familienmitglieder sind normalerweise stark betroffen durch
die Anstrengungen und den Schmerz des Tricho-Betroffenen. Es
kommt natürlich auch immer darauf an, wie schlimm das Tricho-Problem
für den Betroffenen selbst ist, und wie sehr es seine Gefühle
und Funktionen betrifft. Die Rolle des nicht-betroffenen Familienmitglieds
(Mutter, Vater, Geschwister, Partner, Großeltern etc.)
und die Art der Verbindung (steht man sich sehr nah oder eher
weniger) macht einen großen Unterschied in der Wechselwirkung
und der Erfahrung der Leute, die involviert sind.
Die Vergangenheit der Beziehung (die Beziehung zueinander war
immer gut und einfach oder eher durch öftere Schwierigkeiten
miteinander gekennzeichnet) beeinflusst auch den Grad der Nötigung.
Andere Stressoren und Umstände (finanzielle Abgesichertheit,
Arbeits- oder Karriereanforderungen u.ä.) haben alle einen
starken Einfluss auf den Grad der Not und des Elends für
das Familienmitglied, das sich um den Betroffenen sorgt. Natürlich,
und das sollte nicht vergessen werden, spielen unsere individuellen
Vorstellungen von Schönheit und Attraktivität für
unsere Reaktion eine sehr große Rolle. Unglücklicherweise
legt unsere Gesellschaft einen großen Wert auf die Wichtigkeit
der Haare, weil es für physische und sexuelle Attraktivität
steht.
Man darf allerdings nicht vergessen, dass diese Allgemeinheiten
niemals die Wirklichkeit eines Individuums widerspiegeln können.
Schließlich gibt es keine Regeln, nur individuelle Realitäten.
Jedes Eingreifen muss maßgeschneidert sein für einmalige
Menschen und Umstände und für einen ganz bestimmten
Moment.
Eltern
Für Eltern gibt es spezifische Themen. Es ist unser Job
als Eltern, unseren Kindern Sicherheit zu geben, und wir wollen,
dass es unsern Kindern gut geht und dass sie glücklich oder
wenigstens zufrieden sind. Und nun kommt diese neurobiologische
Störung, die einem vollkommen willkürlich vorkommt.
"
Hör doch einfach damit auf!" kommt einem für gewöhnlich
in den Sinn, denn immerhin hat man seinem Kind Dinge beigebracht,
die es nicht tun sollte. Man hat dem Kind soviel beigebracht
bis zu diesem Zeitpunkt, zum Beispiel, nicht einfach in Strassen
hineinzulaufen, wie man mit andern Menschen umgeht, wie man sich
richtig anzieht, wie man gut in der Schule abschneidet.
Aber plötzlich sieht man sich nicht einmal mehr in der Lage,
seinem Kind beizubringen, sich nicht die Haare auszureißen.
Auch kann man dem Kind die Haare nicht einfach wegnehmen und
das Problem so verschwinden lassen.
Stattdessen wird man versuchen, das Kind zu ermutigen, es zu
lassen, flehen, dem Kind gut zureden und in der eigenen Frustration,
könnte es vorkommen, dass man sein Kind schimpft, dass man
seine Schuldgefühle ausnutzt oder Drohungen ausspricht.
Es kann auch sein, dass man anfängt, zu analysieren: Spielt
das Kind mir etwas vor, ist es sauer auf mich oder auf sich selbst,
etc. Es kann auch sein, dass man alles Genannte macht, zu verschiedenen
Zeiten.
Früher oder später erfährt man von Trichotillomanie
und das ruft vielerlei Emotionen hervor, darunter Erleichterung
(das geliebte Kid ist nicht das einzige), Verzweiflung (das Kind
wird es für immer haben), Wut (warum mein Kind?) und man
bekommt vielleicht Schuldgefühle, denn als Eltern fühlt
man sich oft verantwortlich, ob genetisch oder psychologisch.
In der Zwischenzeit sieht man sein Kind mit Haarverlust, mit
emotionalem Schmerz.
Im besten Fall wird man an einen guten Platz in einer Verhaltenstherapie
kommen. Wenn es angemessen und effektiv ist, wird man sich für
Medikamente entscheiden. Eine Verbesserung wird erkennbar. Erleichterung,
Aufregung, Dankbarkeit und dann die Realität, dass dies
ein sehr langer Weg sein wird und Trich normalerweise nicht vollkommen
eliminiert werden kann. All das fällt wieder auf einen zurück.
Das Kind oder der erwachsene Nachwuchs muss für immer mit
diesen starken Drängen leben lernen, und es könnte
zu dauerhaftem Haarverlust kommen.
Abhängig von der eigenen Persönlichkeitsstruktur wird
man damit mehr oder weniger gut zurecht kommen.
Die Struktur der Familie und der Familiensysteme hat auch einen
Effekt auf die eigene Reaktion. Zum Beispiel kann die Familien-Struktur
traditionell sein; die Mutter trägt hier die größte
Verantwortung für das Aufziehen der Kinder. Sie kann entweder
einen großen Teil der Unterstützung von ihrem Mann
bekommen oder, am anderen Ende, könnte es sein, dass sie
von ihrem Man kritisiert wird und gesagt bekommt, sie würde
ihren Mann blamieren, indem sie zulässt, dass das Kind solch
einen Haarverlust hat.
Wenn beide Elternteile für das Aufziehen der Kinder verantwortlich
sind, dann brauchen beide Unterstützung und Mitgefühl.
Sie sollten aber möglichst darauf achten, dass sie beide
dem Kind dieselbe Botschaft übermitteln. Geschieht das nicht,
kann der Kampf mit Trich für das Kind noch schwieriger werden.
Zusätzlich zum Stress, den Trich bringt, wird es das Kind
verwirren, dass die Eltern sich in ihrer Botschaft nicht einigen
können. Es kann sogar sein, dass das Haareausreissen emotional
aufgeladen wird und negativ besetz ist innerhalb der Familie.
Partner
Für die Partner oder Lebensgefährten einer Person mit
Trich gibt es auch besondere Themen, die hier angesprochen werden
sollen.
Wegen des Schamgefühls und der Angst vor der Reaktion des
Partners halten viele Betroffene das Leiden vor ihren Lebensgefährten
geheim, und das jahrelang. Als der Partner des Betroffenen mag
es sein, dass man das Reißen nie bemerkt hat oder, wenn
man es gewusst hat, das Ausmaß des Reißens nie erkannt
hat. Man kann verletzt sein durch den Ausschluss und durch das
offensichtliche Fehlen von Vertrauen, das einem entgegengebracht
wurde. Für den Betroffenen kann die Geheimhaltung und das
Bedürfnis, es verstecken zu müssen, zerfressend sein.
Etwas geheim zu halten impliziert, dass etwas versteckt werden
muss, um Gefühlen wie Scham, Verlegenheit und Demütigung
aus dem Weg zu gehen. Etwas geheim zu halten bildet eine Mauer
zwischen Paaren.
In den meisten Fällen tritt dieses Extrem glücklicherweise
jedoch nicht auf. Der Betroffene reißt trotzdem heimlich,
obwohl die Resultate sehr schwer oder sogar unmöglich zu
verdecken sein können. Betroffene sprechen oft mit Erleichterung
und Trost davon, endlich mit ihrem Lebensgefährten zusammensein
zu können, ohne das ständige Bedürfnis, die kahlen
Stellen zu verdecken.
Die meisten Partner wollen helfen. Abhängig von der Beziehung
und den Charakteren kommen dabei verschiedene Reaktionen zustande.
Als ein nicht betroffener Partner mag man mitfühlend sein,
aber mit dem Erleben der Frustration, die Trich bedeutet, kann
es zu Wut auf sich selbst, auf den Partner mit Trich, auf Ärzte,
Schicksal etc. kommen.
Man sieht seinen Partner vielleicht als unfähig an, Selbstkontrolle
auszuüben, oder sieht ihn als schwach oder hilflos an. Dabei
kann es durchaus sein, dass man ganz genau weiß, dass man
so nicht denken oder handeln sollte; die eigene tatsächliche
Reaktion kann im genauen Gegensatz zu der eigentlich idealen
Reaktion stehen, die man sich gewünscht hat. Das Ideal,
das man vom Partner hat, kann in Konflikt geraten mit den eigenen
Gefühlen.
Oder, wenn man dazu neigt, überbeschützend zu sein,
nimmt man die ganze Verantwortung auf sich, was natürlich
völlig ineffektiv ist und am Ende fühlt man sich hilflos.
Eine ohnehin schlechte Kommunikationsfähigkeit könnte
sich verschlimmern und zusätzliche Barrieren zwischen beiden
Partnern aufbauen.
Man wird sich darüber ärgern, bestimmte Freizeitaktivitäten
mit dem betroffenen Partner nicht ausüben zu können.
Zum Beispiel kann man nicht mehr zusammen schwimmen gehen, Schnorcheln,
oder Sport zusammen treiben. In der Tat kann es sein, dass jede
Art von Aktivitäten außer Haus den Betroffenen ängstigen
und er dies als Bedrohung ansieht. Besonders, wenn beim Reißen
das Schamhaar betroffen ist, kann sich dies negativ auf das eigene
Gefühl von Weiblichkeit oder Männlichkeit auswirken
- egal was der Partner wirklich dazu sagt. Und damit hat es auch
einen negativen Einfluss auf das Sexualleben.
Ich hoffe, ich habe
in diesen wenigen Abschnitten die Schwierigkeiten der Eltern
und Lebenspartner und den Effekt von Trich auf die
Beziehungen beschreiben können. Die meisten Familienmitglieder
haben wirkliche Probleme damit, wie sie am besten reagieren sollen
und was sie genau unternehmen sollen, da sie in ihrer totalen
Isolation niemanden in einer ähnlichen Situation kennen.
Ich bin mir sicher, dass diese Abschnitte auf keinen Fall die
wichtigsten Aspekte der Erfahrungen der einzelnen Person widerspiegeln.
Aber das geht hier auch nicht. Jedes Eingreifen muss auf die
Personen abgestimmt werden!
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