Samstag, den 02. Januar 2010 um 17:41 Uhr

Der Effekt von Trichotillomanie auf Eltern und Partner

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von Sally A. Allen, Psychologin und Klinikleiterin Rosemont

Der Sinn und Zweck dieses kurzen Briefes ist es, Professionellen und Eltern die oftmals schmerzhaften Schwierigkeiten zu schildern, wenn es darum geht, jemanden mit Trich zu lieben. In den Jahren in denen ich zusammen mit Trich-Betroffenen und ihren Familien gearbeitet habe, ist mir immer aufgefallen, dass die Familie oft vernachlässigt und ihre Bedürfnisse nicht genügend angesprochen wurden.

Ich hoffe, im Folgenden den Profis helfen zu können, sensibler und aufmerksamer zu werden, und dass ich den Familienmitgliedern von Leuten mit Trich wenigstens etwas Unterstützung und Verständnis entgegenbringen kann.

Familienmitglieder sind normalerweise stark betroffen durch die Anstrengungen und den Schmerz des Tricho-Betroffenen. Es kommt natürlich auch immer darauf an, wie schlimm das Tricho-Problem für den Betroffenen selbst ist, und wie sehr es seine Gefühle und Funktionen betrifft. Die Rolle des nicht-betroffenen Familienmitglieds (Mutter, Vater, Geschwister, Partner, Großeltern etc.) und die Art der Verbindung (steht man sich sehr nah oder eher weniger) macht einen großen Unterschied in der Wechselwirkung und der Erfahrung der Leute, die involviert sind.

Die Vergangenheit der Beziehung (die Beziehung zueinander war immer gut und einfach oder eher durch öftere Schwierigkeiten miteinander gekennzeichnet) beeinflusst auch den Grad der Nötigung.

Andere Stressoren und Umstände (finanzielle Abgesichertheit, Arbeits- oder Karriereanforderungen u.ä.) haben alle einen starken Einfluss auf den Grad der Not und des Elends für das Familienmitglied, das sich um den Betroffenen sorgt. Natürlich, und das sollte nicht vergessen werden, spielen unsere individuellen Vorstellungen von Schönheit und Attraktivität für unsere Reaktion eine sehr große Rolle. Unglücklicherweise legt unsere Gesellschaft einen großen Wert auf die Wichtigkeit der Haare, weil es für physische und sexuelle Attraktivität steht.

Man darf allerdings nicht vergessen, dass diese Allgemeinheiten niemals die Wirklichkeit eines Individuums widerspiegeln können. Schließlich gibt es keine Regeln, nur individuelle Realitäten. Jedes Eingreifen muss maßgeschneidert sein für einmalige Menschen und Umstände und für einen ganz bestimmten Moment.

Eltern

Für Eltern gibt es spezifische Themen. Es ist unser Job als Eltern, unseren Kindern Sicherheit zu geben, und wir wollen, dass es unsern Kindern gut geht und dass sie glücklich oder wenigstens zufrieden sind. Und nun kommt diese neurobiologische Störung, die einem vollkommen willkürlich vorkommt.

"Hör doch einfach damit auf!" kommt einem für gewöhnlich in den Sinn, denn immerhin hat man seinem Kind Dinge beigebracht, die es nicht tun sollte. Man hat dem Kind soviel beigebracht bis zu diesem Zeitpunkt, zum Beispiel, nicht einfach in Strassen hineinzulaufen, wie man mit andern Menschen umgeht, wie man sich richtig anzieht, wie man gut in der Schule abschneidet. Aber plötzlich sieht man sich nicht einmal mehr in der Lage, seinem Kind beizubringen, sich nicht die Haare auszureißen. Auch kann man dem Kind die Haare nicht einfach wegnehmen und das Problem so verschwinden lassen.

Stattdessen wird man versuchen, das Kind zu ermutigen, es zu lassen, flehen, dem Kind gut zureden und in der eigenen Frustration, könnte es vorkommen, dass man sein Kind schimpft, dass man seine Schuldgefühle ausnutzt oder Drohungen ausspricht. Es kann auch sein, dass man anfängt, zu analysieren: Spielt das Kind mir etwas vor, ist es sauer auf mich oder auf sich selbst, etc. Es kann auch sein, dass man alles Genannte macht, zu verschiedenen Zeiten.

Früher oder später erfährt man von Trichotillomanie und das ruft vielerlei Emotionen hervor, darunter Erleichterung (das geliebte Kid ist nicht das einzige), Verzweiflung (das Kind wird es für immer haben), Wut (warum mein Kind?) und man bekommt vielleicht Schuldgefühle, denn als Eltern fühlt man sich oft verantwortlich, ob genetisch oder psychologisch. In der Zwischenzeit sieht man sein Kind mit Haarverlust, mit emotionalem Schmerz.

Im besten Fall wird man an einen guten Platz in einer Verhaltenstherapie kommen. Wenn es angemessen und effektiv ist, wird man sich für Medikamente entscheiden. Eine Verbesserung wird erkennbar. Erleichterung, Aufregung, Dankbarkeit und dann die Realität, dass dies ein sehr langer Weg sein wird und Trich normalerweise nicht vollkommen eliminiert werden kann. All das fällt wieder auf einen zurück. Das Kind oder der erwachsene Nachwuchs muss für immer mit diesen starken Drängen leben lernen, und es könnte zu dauerhaftem Haarverlust kommen. Abhängig von der eigenen Persönlichkeitsstruktur wird man damit mehr oder weniger gut zurecht kommen.

Die Struktur der Familie und der Familiensysteme hat auch einen Effekt auf die eigene Reaktion. Zum Beispiel kann die Familien-Struktur traditionell sein; die Mutter trägt hier die größte Verantwortung für das Aufziehen der Kinder. Sie kann entweder einen großen Teil der Unterstützung von ihrem Mann bekommen oder, am anderen Ende, könnte es sein, dass sie von ihrem Man kritisiert wird und gesagt bekommt, sie würde ihren Mann blamieren, indem sie zulässt, dass das Kind solch einen Haarverlust hat.

Wenn beide Elternteile für das Aufziehen der Kinder verantwortlich sind, dann brauchen beide Unterstützung und Mitgefühl. Sie sollten aber möglichst darauf achten, dass sie beide dem Kind dieselbe Botschaft übermitteln. Geschieht das nicht, kann der Kampf mit Trich für das Kind noch schwieriger werden. Zusätzlich zum Stress, den Trich bringt, wird es das Kind verwirren, dass die Eltern sich in ihrer Botschaft nicht einigen können. Es kann sogar sein, dass das Haareausreissen emotional aufgeladen wird und negativ besetz ist innerhalb der Familie.

Partner

Für die Partner oder Lebensgefährten einer Person mit Trich gibt es auch besondere Themen, die hier angesprochen werden sollen. Wegen des Schamgefühls und der Angst vor der Reaktion des Partners halten viele Betroffene das Leiden vor ihren Lebensgefährten geheim, und das jahrelang. Als der Partner des Betroffenen mag es sein, dass man das Reißen nie bemerkt hat oder, wenn man es gewusst hat, das Ausmaß des Reißens nie erkannt hat. Man kann verletzt sein durch den Ausschluss und durch das offensichtliche Fehlen von Vertrauen, das einem entgegengebracht wurde. Für den Betroffenen kann die Geheimhaltung und das Bedürfnis, es verstecken zu müssen, zerfressend sein. Etwas geheim zu halten impliziert, dass etwas versteckt werden muss, um Gefühlen wie Scham, Verlegenheit und Demütigung aus dem Weg zu gehen. Etwas geheim zu halten bildet eine Mauer zwischen Paaren.

In den meisten Fällen tritt dieses Extrem glücklicherweise jedoch nicht auf. Der Betroffene reißt trotzdem heimlich, obwohl die Resultate sehr schwer oder sogar unmöglich zu verdecken sein können. Betroffene sprechen oft mit Erleichterung und Trost davon, endlich mit ihrem Lebensgefährten zusammensein zu können, ohne das ständige Bedürfnis, die kahlen Stellen zu verdecken.

Die meisten Partner wollen helfen. Abhängig von der Beziehung und den Charakteren kommen dabei verschiedene Reaktionen zustande. Als ein nicht betroffener Partner mag man mitfühlend sein, aber mit dem Erleben der Frustration, die Trich bedeutet, kann es zu Wut auf sich selbst, auf den Partner mit Trich, auf Ärzte, Schicksal etc. kommen. Man sieht seinen Partner vielleicht als unfähig an, Selbstkontrolle auszuüben, oder sieht ihn als schwach oder hilflos an. Dabei kann es durchaus sein, dass man ganz genau weiß, dass man so nicht denken oder handeln sollte; die eigene tatsächliche Reaktion kann im genauen Gegensatz zu der eigentlich idealen Reaktion stehen, die man sich gewünscht hat. Das Ideal, das man vom Partner hat, kann in Konflikt geraten mit den eigenen Gefühlen.

Oder, wenn man dazu neigt, überbeschützend zu sein, nimmt man die ganze Verantwortung auf sich, was natürlich völlig ineffektiv ist und am Ende fühlt man sich hilflos. Eine ohnehin schlechte Kommunikationsfähigkeit könnte sich verschlimmern und zusätzliche Barrieren zwischen beiden Partnern aufbauen.

Man wird sich darüber ärgern, bestimmte Freizeitaktivitäten mit dem betroffenen Partner nicht ausüben zu können. Zum Beispiel kann man nicht mehr zusammen schwimmen gehen, Schnorcheln, oder Sport zusammen treiben. In der Tat kann es sein, dass jede Art von Aktivitäten außer Haus den Betroffenen ängstigen und er dies als Bedrohung ansieht. Besonders, wenn beim Reißen das Schamhaar betroffen ist, kann sich dies negativ auf das eigene Gefühl von Weiblichkeit oder Männlichkeit auswirken - egal was der Partner wirklich dazu sagt. Und damit hat es auch einen negativen Einfluss auf das Sexualleben.

Ich hoffe, ich habe in diesen wenigen Abschnitten die Schwierigkeiten der Eltern und Lebenspartner und den Effekt von Trich auf die Beziehungen beschreiben können. Die meisten Familienmitglieder haben wirkliche Probleme damit, wie sie am besten reagieren sollen und was sie genau unternehmen sollen, da sie in ihrer totalen Isolation niemanden in einer ähnlichen Situation kennen. Ich bin mir sicher, dass diese Abschnitte auf keinen Fall die wichtigsten Aspekte der Erfahrungen der einzelnen Person widerspiegeln. Aber das geht hier auch nicht. Jedes Eingreifen muss auf die Personen abgestimmt werden!

Zuletzt geändert am: Mittwoch, den 20. April 2011 um 18:51 Uhr

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