Samstag, den 02. Januar 2010 um 17:42 Uhr

Wie sage ich jemandem, dass ich Trich habe?

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Zu den größten Schwierigkeiten, denen sich Betroffene ausgesetzt sehen, zählt der Moment, in dem man einem anderen Menschen davon erzählen soll. Wie schaffe ich das, ohne dass derjenige mich für verrückt erklärt, oder sich von mir abwendet? Im Folgenden findet Ihr eine Auswahl an Möglichkeiten und Ideen.

Einer der schwierigsten Schritte, wenn man Trich hat, ist sich selbst einzugestehen, dass man es hat. Wenn man das einmal geschafft hat, sieht man sich mit dem nächsten schweren Schritt konfrontiert, nämlich damit, es jemandem erzählen zu müssen.
Da die meisten der Betroffenen sich blamiert fühlen und sich deshalb fürchterlich schämen, kann der Gedanke daran absolut erschreckend und fürchterlich sein. Die Gedanken kreisen immer wieder um die Fragen "Wie wird die Person reagieren, wenn ich es ihr sage?" "Wird die Person mir überhaupt glauben?" "Wird sie böse auf mich sein? Oder sogar wütend?" "Wird die Person mich deswegen verlassen?" "Was, wenn ich eingesperrt werde???" "Wird die Person denken, ich sei total verrückt?"

Dies sind nur ein paar der Fragen, die jedem von uns sicherlich wenigstens einmal durch den Kopf gegangen sind, während man sich auf das Gespräch vorbereitet.

Solltest Du Dich dafür entscheiden, Dein Leid jemandem zu erzählen, dann wähle bitte sorgfältig aus; jemanden, dem Du vertraust und bei dem Du Dich wohl fühlst. Viele Betroffene erzählen es als erstes einem guten Freund oder dem Hausarzt. Wenn Du Dich Deiner Familie öffnen kannst, könntest Du Dich auch entscheiden, Deinem Partner, einem Elternteil, dem Bruder oder der Schwester, einer Tante oder jemand anderem davon zu erzählen.
Sollte sich herausstellen, dass es vielleicht doch Probleme geben könnte, wenn Du versuchst, es Deinen Eltern zu erzählen, kannst Du Dich immer noch dafür entscheiden, einen Freund oder Deinen Therapeuten an Deiner Seite zu haben, wenn Du es ihnen sagst.

Das kennt bestimmt jeder: Bevor wir es jemandem sagen wollen, stellen wir uns erst einmal zehntausend und eine Situation vor, was passieren könnte. Wir wollen im Voraus wissen, was derjenige tun wird und versuchen alles in unsere Einschätzung der Person miteinzubeziehen. Nun sollte man sich aber klar machen, dass es absolut unmöglich ist, jemals die exakte Reaktion einer Person vorauszusagen. Viele Menschen geben schon vorher auf, es jemandem zu erzählen, weil sie so fest der Überzeugung sind, dass jeder, dem sie es erzählen, sich sofort in irgendeiner Art und Weise darüber aufregen wird, ihn sogar anschreien wird oder, dass sie im schlimmsten Fall eben verlassen werden. Allein der Gedanke, es jemandem zu sagen, kann so furchterregend sein, dass unser Kopf uns schon vorher - ob gewollt oder nicht - alle möglichen Horror-Szenarien durchspielt und uns einredet, es doch bitte sein zu lassen. Denn das könnte uns ja nur schaden. Dein Kopf wird Dich überzeugen wollen es niemals jemandem zu sagen!
Um es noch einmal zu betonen:

Es ist unmöglich, die Reaktion einer Person voraussagen zu können.

Der einzige Weg, genau das herauszufinden, ist, das Risiko wirklich einzugehen und der Person Euer Problem zu erzählen.

Wenn man es der Person, die man ausgesucht hat, zum ersten Mal erzählt, gibt es normalerweise immer eine anfängliche Reaktion. Die Person kann überrascht, geschockt, aufgeregt oder besorgt sein, oder die Person könnte weinen. Andere haben vielleicht die Anzeichen dafür schon lange Zeit vorher schon gesehen, und hatten nur Angst zu fragen. Die Person, der Du das gerade erzählt hast, weiß vielleicht auch in dem Moment gar nicht, was sie dazu sagen soll. Vielleicht sagt die Person auch gar nichts, oder aber sie könnte eine menge Fragen stellen. Wie auch immer die Reaktion ist, Du solltest bedenken, dass die Person vielleicht ein bisschen überfordert ist im Moment und ein paar Tage braucht, bis sie die ganzen Informationen, die du ihr gerade gegeben hast, verarbeitet hat.

Vielleicht willst Du der Person ja auch Informationen über Trich geben. So kann derjenige in aller Ruhe und alleine die Informationen durchgehen und sich so über die Krankheit und alles weitere informieren und lernen, wie man selbst dazu beitragen kann zu helfen. Nach ein paar Tagen lesen und verstehen lernen, und vor allem nachdenken über Deine Worte, sind sie meist eher bereit, sich zusammen hinzusetzen und darüber zu reden. So kann diese Person Teil Deines Unterstützungssystems werden.

Unglücklicherweise sind nicht alle Menschen, denen wir so etwas erzählen, verständnisvoll und hilfsbereit oder vor allem erst einmal bereit, zu akzeptieren, dass wir uns die Haare ausreißen. Wenn jemand kein Verständnis aufbringen kann, kann es vorkommen, dass diese Person verletzende und gemeine Dinge sagt. Es kann sehr schwer sein, dass zu erleben, aber erinnere Dich immer daran, dass diese Person einfach total ignorant ist und dass sie falsch daran tun, Dich so und auf so unfaire Weise zu behandeln! Du kannst dieser Person ja immer noch Infos zum Lesen geben und hoffen, dass sie daraus lernt.
Eltern haben meist Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass ihr Kind sich so etwas selbst antut. Sie wollen es vielleicht nicht akzeptieren, weil sie dann befürchten müssen, mit Schuldtragende zu sein und dass sie etwas falsch gemacht haben.

Es kann etwas dauern, bis sich die Familienmitglieder an den Gedanken gewöhnt haben und Trich akzeptieren können, um Dir hilfreich und unterstützend zur Seite zu stehen. Es gibt natürlich auch Leute, die Angst bekommen und nicht wissen was sie tun sollen, vielleicht versuchen sie Dich dann auch zu meiden. Das ist nicht deine Schuld und Du hast nichts falsch gemacht. Sie tun dies normalerweise, weil sie nicht genug über Trichotillomanie wissen, und es ist sehr wahrscheinlich das erste Mal, dass sie davon hören; dementsprechend wissen sie nicht, wie sie reagieren oder darauf antworten sollen. Wenn jemand nicht von Tricho betroffen ist, ist es für sie nicht vorstellbar, durch was für Qualen und Gefühle wir durchmüssen. Manchmal wollen sie es einfach nicht akzeptieren, wenn sie es nicht verstehen. Wenn dies der Fall ist, dann sag der Person, dass Du nicht von ihr erwartest, es zu verstehen, aber dass Du möchtest, dass sie es akzeptiert, so dass sie Dich unterstützen kann.

Es jemandem zu erzählen, kostet eine Menge Kraft und Du solltest jedes einzelne Mal, wenn du es tust, unheimlich stolz auf dich sein!! Die meisten Leute erzählen von einer immensen Erleichterung, nachdem sie es jemandem erzählt hatten, denn sie müssen es zumindest vor dieser Person nicht länger geheimhalten und sich verstecken. Es ist außerdem ein ganz wichtiger Schritt, weil man damit noch eher lernt, sich selbst zu akzeptieren und nicht mehr länger das Schamgefühl aushalten zu müssen. Es ist immer einfacher, wenn jemand eine positive Reaktion zeigt, aber leider ist das nicht immer der Fall.

Wenn jemand gar nicht akzeptieren kann, dass Du Dir die Haare ausreißt, weil Du eine Krankheit hast, und vielleicht sogar wütend wird oder das Thema total ignoriert, erinnere Dich daran, dass es weder Deine Schuld noch Deine Verantwortung ist. Wenn sie es nicht akzeptieren können, ist das eine Sache, mit der sie selbst umgehen müssen. Wir sind nur für uns selbst verantwortlich und können die Gefühle, Gedanken und Gefühle anderer nicht kontrollieren oder steuern.

Es gibt nicht den Weg, es jemandem zu sagen. Manchmal ist es auch das einfachste, sich zusammen hinzusetzen und zu sagen "Ich reiße mir meine Haare aus und will Hilfe". So sagst Du klar und deutlich, was Dein Problem ist und musst nicht lange erst mal erklären.
Falls es Dir zu schwer oder gar unmöglich erscheint, es verbal auszudrücken, kannst Du der Person jederzeit natürlich auch einen Brief schreiben. Wenn du zuerst einem Therapeuten davon erzählen willst, kannst du ihn ja bitten, beim ersten Gespräch mit Deiner Familie und Freunden dabei zu sein. Auf diese Weise kann der Therapeut Dich bei Deiner schwierigen Aufgabe begleiten, anfallende Fragen sofort beantworten, die Krankheit näher erläutern, ihnen erklären, wie sie Dir helfen können und ähnliche Dinge. So wirst Du Dich bestimmt sicherer und wohler fühlen.

Während dieses Schrittes finden die meisten Leute schnell heraus, welche Personen zu ihrem Unterstützersystem gehören sollen und welche auf gar keinen Fall. Es ist immer eine tolle und großartige Sache, wenn die eigene Familie unterstützend zur Seite steht, aber das ist nun mal leider nicht immer der Fall, zumindest nicht immer sofort. Es kann sehr schmerzhaft sein, dies zu erfahren, aber Du solltest wissen - und Dich immer wieder daran erinnern - dass es auch andere Leute gibt außerhalb der Familie, die Dich gerne und gut unterstützen wollen.
Manche Menschen haben gar keine andere Wahl, als außerhalb der Familie nach Menschen zu suchen, die ihnen helfen und sie unterstützen während den schlimmen Zeiten mit Trich.

Es ist wichtig, dass Du immer tust was DIR gut tut. Manche sind der Meinung, dass sie das auch alleine schaffen, aber ich persönlich denke, es ist das beste, soviel Unterstützung hinter sich zu haben wie möglich, natürlich besonders während der sehr schlimmen Zeiten. Freunde, Ärzte und Therapeuten können eine große Hilfe sein. Ich weiß, dass es beängstigend sein kann, jemandem von Trich zu erzählen. Wem Du es erzählst, bleibt Deine Entscheidung.

Erlaube niemandem jemals, Dich dazu zu zwingen, damit endlich rauszurücken, vielleicht sogar noch jemandem dem Du noch nicht bereit bist, es zu erzählen oder nicht willst, dass diese Person es weiß.
Erinnere Dich immer wieder daran, dass es keine Schande ist, Trich zu haben! Je mehr du darüber sprichst, desto mehr wirst Du einsehen, dass Du gar keinen Grund hast, Dich deshalb zu schämen.
Du wirst irgendwann einen Punkt erreichen, da ist es Dir schnurzpiepegal, wer davon weiß. Anstatt Dich zu schämen wirst du voller Stolz wissen, dass du nicht nur jemandem davon erzählt hast, sondern auch Hilfe gesucht hast und - vor allem - angefangen hast zu kämpfen.

Und das ist viel wichtiger, schöner und viel gesünder, als sich zu schämen.

Zuletzt geändert am: Mittwoch, den 20. April 2011 um 18:58 Uhr

1 Kommentar

  • Kommentar Link Amy Montag, den 15. August 2011 um 18:52 Uhr Gepostet von Amy

    Ich kann allen auch nur Mut machen, es auszusprechen! Ja, manchmal war es am Ende nicht die beste Idee, ja, es gibt Menschen, die doof reagieren. Aber die Mehrheit kennt vielleicht jemanden, der das auch macht, hat davon schon mal gehört, oder hört einfach nur zu und ist für einen da. Das ist ein unglaublich gutes Gefühl! Auch, wenn es natürlich immer wieder erst mal ganz viel Überwindung kostet, mit irgendjemandem darüber zu sprechen... es ist aber wirklich so, dass man sich besser fühlt, je öfter man es ausgesprochen hat. Darüber zu reden hilft mir dabei, die Krankheit zu akzeptieren und dagegen zu kämpfen :)

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