Donnerstag, den 18. August 2011 um 22:40 Uhr

Der Umgang mit den eigenen Eltern - Tipps für Teenager

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Einen Zwang zu haben stinkt zum Himmel. Als ob man nicht schon genug Schwierigkeiten im Leben hätte, mit denen man zurecht kommen muss. Wieder gesund werden ist auch sehr harte Arbeit. All das wäre ja schon genug, wären da nicht auch noch ein paar andere Probleme, die aufkommen, wenn die eigene Familie sich in den Zwang einmischt. Natürlich meinen sie es gut. Sie denken, dass sie damit helfen, aber oftmals tun sie einfach nicht das Richtige, weil sie einfach keine Ahnung davon haben, wie es ist, so einen Zwang zu haben.

Wie könnte das auch jemand verstehen, wenn er oder sie es gar nicht selbst hat? Versteh mich nicht falsch; nicht jede Familie handelt so, dass man damit noch mehr Probleme hat, aber es passiert immerhin so häufig, dass ich mich entscheiden habe, eine Art Leitfaden zu schreiben, um Euch zu helfen, wenn Ihr mit Euren Familien sprechen müsst. Denn Familien, genauso wie die Betroffenen selbst, müssen darüber lernen. Hier sind ein paar Ideen, die Euch vielleicht helfen können.

Wenn Ihr verägert oder enttäuscht darüber seid, wie Eure Familie auf Euren Zwang reagiert, ist das Schlimmste, was Ihr tun könnt, deswegen wütend zu werden, oder aber, Euch in Eurer Schneckenhaus zurückzuziehen und nicht mehr mit jemandem darüber zu sprechen. In beiden Fällen ist Euch nicht geholfen, und das Problem nicht gelöst. Vielleicht könnt Ihr Eurer Familie diesen Artikel zeigen. Hier ist eine Liste der Arten, wie sie es falsch verstehen können und auch Erklärungen dafür, wieso das so sein könnte. Einige davon könnten Euch bekannt vorkommen. Ich nenne diese Liste:

Häufige Fehler, die Eltern und andere Familienmitglieder machen können

  1. Ihre Idee davon, wie man Dir am besten helfen kann, ist zu sagen "Warum hörst Du nicht einfach auf?" Viele Menschen denken, dass das Verhalten, das sie bei Zwängen beobachten können, schlechte Angewohnheiten seien, und dass - ein bisschen Willenskraft vorausgesetzt - Du Dich einfach dafür entscheiden könntest, es einfach nicht mehr zu tun. Vielleicht sagen Sie "Hör einfach auf!". Sie scheinen nicht zu verstehen, dass dies ein Problem in der Hirnchemie ist, und nicht einfach eine Schwäche, an der Du schuld bist. Es könnte sogar genetisch sein. Obwohl man lernen kann, zwanghaftem Impulsen nicht nachzugeben, braucht es viel Kraft und Zeit, normalerweise mit der Hilfe eines Experten. Man wirft eine Zwangsstörung nicht einfach weg wie ein Paar alte Schuhe. Es muss den Familien klar gemacht werden,  dass diese Art Vorschläge nicht hilfreich sind, und dass sie nur dazu führen werden, dass Du Dich schlimmer fühlst als vorher, da Du eben nicht einfach damit aufhören kannst, wie Du es solltest. Außerdem führt es dazu, dass Du Dich alleine fühlst mit Deinem Problem, da klar ist, dass sie nicht verstehen, was Du durchmachst. Eine gute Antwort auf "Hör doch einfach auf!" ist: "Denkst Du nicht, dass ich das auch will? Wer würde so etwas tun, wenn sie eine Wahl hätten?"
  2. Sie denken, dass alles was Du tust, ein Zwang ist, und drücken Dir immer wieder den "Zwang"-Stempel auf, wenn Sie denken, dass du gerade einen Zwangsimpuls hattest, zum Beispiel wenn Du mit Deinen Haaren spielst. Familien sind manchmal etwas überenthusiastisch. Ihr Übereifer, Dein Gesundwerden voranzubringen, kann kontraproduktiv werden. Sie denken, dass wenn Sie dauernd Deine Aufmerksamkeit auf Dein Verhalten ziehen, dass Du dann aufhören wirst. Als ob Du nicht ganz genau weißt, wann Du Deinen Zwang hast. Genau. Außerdem fühlt sich das bald wie Nörgeln an, und geht damit in die gleiche Richtung wie "Tus einfach nicht". Sie müssen gesagt bekommen, dass die einzige Person, die sich damit auseinandersetzen muss, wann der Zwang kommt, Du selbst bist. Du bist die einzige Person, die etwas dagegen tun kann, und das müssen sie verstehen lernen. Wenn Du Dich dabei immer nur auf anderv erlassen müsstest, um zu wissen, wann du was tust, würdest Du ja nie lernen, selbst damit richtig umzugehen. Außerdem will doch niemand dauernd sein Problem unter die Nase gerieben bekommen. Das ist um so wahrer, wenn die anderen auch noch dauernd den falschen Weg dafür wählen.
  3. Wenn Du in Behandlung bist, beobachten sie Dich ganz genau, und warten nur darauf, dass Du dem Zwang nachgibst, und beschuldigen Dich, es nicht wirklich zu versuchen. Wie ich gerade schon erwähnte, können Familien etwas übereifrig werden, und denken, dass Deine Heilung irgendwie ihre Verantwortung ist, und nicht Deine eigene. Sie denken, Sie müssen für Deine Therapie verantwortlich sein, obwohl Du eigentlich die/der einzig Verantwortliche bist, wenn es wirklich funktionieren soll. Das kann so negativ rüberkommen von deren Seite, dass es sich für Dich so anfühlen kann, als ob sie nur darauf warten, dass du es vergeigst und scheiterst. Ich bin davon überzeugt, dass ein wenig Lob für die Dinge, die Du richtig machst, sehr viel zielführender wären. Manchmal sage ich Familien: Wenn Ihr nichts Positives sagen könnt, sagt einfach gar nichts. Manchmal sage ich Familien: Wenn Ihr nichts Positives sagen könnt, sagt einfach gar nichts. Ich sage den Familien meiner Patienten, dass die Therapiehausaufgaben die Sache meines Patienten sind, und jeder andere hat sich da rauszuhalten. Die Hauptaufgaben der Familie ist, denjenigen tun zu lassen, was er tun muss. Es muss einzig die Verantwortung des Patienten bleiben. Das Ziel ist es, zu lernen, mit sich selbst und der Störung zurechtzukommen. Denn was würde passieren, wenn mal keiner da ist, um Dich genau zu überwachen?
  4. Wenn Du in Therapie bist, gehen sie davon aus, dass Du Deine Hausaufgaben nicht richtig machst, und nörgeln deswegen herum. Wenn sie glauben, dass Du nicht schnell genug Fortschritte machst, drohen sie Dir vielleicht sogar damit, dass sie die Therapie abbrechen werden, weil Du nicht hart genug arbeitest, und die Therapie Geld kostet. Das ist typisch für Eltern, die nicht besonders viel Vertrauen haben, und die automatisch glauben, dass Du nur einen einfachen Weg aus der Sache suchst. Sie können misstrauisch sein, schnell verurteilen, und setzen unrealistisch hohe Ziele, ohne Deine Fähigkeiten in Betracht zu ziehen. Meistens sind sie sehr kontrollierend. Eltern dieser Sorte müssen verstehen, dass man niemanden mit so einem Verhalten motivieren kann. Gesund werden ist harte Arbeit, selbst wenn jemand hochmotiviert ist. Ich kenne Patientne, die ihre eigene Therapie sabotierten, nur um ihren Eltern zu zeigen, dass sie sie in Ruhe lassen sollten. Andere wollen bei soviel Kritik einfach aufgeben. Menschen wachsen oder fallen wegen der Erwartungen, die man an sie stellt. Wenn Du erwartest, dass eine Person es gut machen wird, dann ist es wahrscheinlicher, dass das auch geschehen wird. Wenn man nichts erwartet, wird es wahrscheinlich auch so kommen.
  5. Wenn Du irgendetwas erreichst, erwähnen sie all die Dinge, die Du noch nicht kannst, anstatt dich zu loben und zu ermutigen. Diese Sorte Menschen nenne ich gerne die "Das Glas ist halbleer-Menschen". Sie konzentrieren sich auf das Negative, und ignorieren das Positive. Sie neigen zum Perfektionismus und Pessimismus. Entweder machst du alles richtig, oder du scheiterst. Bei Zwängen gibt es oft die Tendenz zum Schwarzweiß-Denken, und ich glaube nicht, dass Betroffene noch weiter in diese Richtung gebracht werden sollten. Trich zu überkommen ist eine harte Aufgabe, und manchmal ist es sehr schwer, die Motivation aufrechtzuerhalten. Trich kann Dich ganz schön unterkriegen, und dieser Fokus auf das Negative bringt dich eher zum Aufgeben, weil Du denkst, dass Du sowieso nie Erfolg haben wirst. Niemand möchte dauernd seine Schwächen auf die Nase gebunden bekommen, und es hilft niemandem, wenn man dauernd nur sagt, was alles noch gemacht werden muss.
  6. Wenn Du in Therapie bist, und erste Erfolge hast, fragen sie, wie lange du noch brauchst, bist du völlig befreit bist von deiner Störung, oder sie beschweren sich, dass es alles zu lange dauert.Hierfür gibt es verschiedene Gründe. Einer ist, dass sie nicht wissen, was so eine Therapie einem alles abverlangt, und sie sind einfach unrealistisch in ihren Erwartungen. Sie sehen etwas Verbesserung, und erwarten plötzlich, dass Du plötzlich sofort alles änderst. Sie wollen, dass Du gesund wirst, am besten gestern. Dein Therapeut kann mit ihnen darüber sprechen. Jeder wird nur in seinem eigenen Tempo gesund. Es ist egal, was andere wollen.

    Wenn Du erwartest, dass eine Person es gut machen wird, dann ist es wahrscheinlicher, dass das auch geschehen wird. Wenn man nichts erwartet, wird es wahrscheinlich auch so kommen.

  7. Bei Rückfällen sagen sie, dass Du es nicht genug versuchst, und dass Du es nie besiegen wirst. Eltern dieser Kategorie scheinen sich nicht darüber im Klaren zu sein, dass einer der wichtigsten Punkte in einer Therapie eines Zwanges wie Trich der ist, dass der Weg nicht immer geradlinig ist. Auf dem Weg zur Heilung gibt es viele Schlaglöcher und Umleitungen. Niemand lernt eine ganze Reihe von Fähigkeiten, ohne hin und wieder Fehler zu machen, oder ab und zu wieder einen Schritt zurück zu machen. Niemand ist perfekt, weder in einer Therapie, noch in irgendetwas anderem, das Menschen so normalerweise tun. Tatsache ist, es gibt sehr viele Menschem, die gerade durch ihre Fehler und Rückschläge sehr viel in Sachen Heilung gelernt haben, mehr als durch die Dinge, die sie immer schon richtig gemacht haben. Ich kann ehrlich sagen, in über 20 Jahren als Therapeut habe ich nie jemanden getroffen, der nachher geheilt war von seinem Zwang, und nicht ab und zu mehr oder weniger schlimme Rückschläge erlitten hat. Verhaltenstherapie bedeutet, ein völlig neues Repertoire an Fähigkeiten zu lernen. Niemand, der Tennis gerade lernt, würde erwarten, nächste Woche ein Championship-Spiel zu schaffen.
  8. Deine Eltern schieben die Familienprobleme auf Dich, und sagen Dir, wieviel einfacher ihr Leben wäre, wenn Du nicht diesen Zwang hättest.  Manchmal, wenn der Zwang schlimm ist, betrifft es das Leben der ganzen Familie. Manchmal kommt es vor, dass die Familie wegen Deinem Zwang bestimmte Dinge nicht mehr tun kann, Termine absagen muss, bestimmte Aktivitäten nicht mehr gehen. Auch spielen Geheimnisse eine große Rolle. Das kann Ärger und Verbitterung auslösen. Das Familienleben kann ziemlich angespannt werden. Wahrscheinlich sind sie sauer auf Deinen Zwang, aber unglücklicherweise lassen sie die Wut an Dir aus. Es kann sogar sein, dass sie manchmal das Gefühl haben, du machst ihnen das Leben mit Absicht schwer. Natürlich ist  das nicht wahr, und sie liegen damit natürlich falsch. Aber sie sind auch nur Menschen. Was sie sich wirklich selbst sagen sollten ist "Wir mögen Deinen Zwang nicht und wünschen uns, du hättest ihn nicht." Was rauskommt ist leider oft "Wir mögen Dich nicht, weil Du einen Zwang hast." Sie müssen lernen, dich nicht mit Deinem Zwang zu verwechseln. Niemand, der Tennis gerade erst lernt, würde erwarten, nächste Woche ein Championship-Spiel zu schaffen.
  9. Sie erinnern dich regelmäßig an all die schlechten Zeiten und Szenen, die Dein Zwang verursacht hast. Ich bin davon überzeugt, dass der einzige Ort, an dem ein Mensch wirklich leben kann, die Gegenwart ist. Die Vergangenheit ist vorbei und außer Reichweite, und die Zukunft ist immer unbekannt. Immer wieder alte Wunden aufzubrechen und alte Szenen heraufzubeschwören stimmt nur jeden missmutig und wird überhaupt nichts ändern. Du kannst ihnen sagen "Ich fühle mich auch schlecht wegen der Vergangenheit. Mir ging es nicht gut und ich tat nur mein Bestes in einer schlimmen Situation. Vielleicht hätten wir es alle besser machen können. Wieso lassen wir nicht einfach die Dinge los, die wir nicht mehr ändern können und versuchen, die Dinge besser zu machen für uns selbst?" Mein Rat ist, "Lass die Vergangenheit nicht Deine Gegenwart versauen. Lass sie los."
  10. Wenn sie sauer auf dich sind, drohen sie Dir mit verschiedenen Dingen und setzen Dich unter Druck. Unglücklicherweise gehen manche Familien schlechter damit um als andere. Manchmal benutzen Familien Ängste gegen die Betroffenen, um sie für ihre nervigen Symptome zu bestrafen. Familienmitglieder müssen begreifen, dass dies einfach nur fieser Missbrauch von Vertrauen ist, für den es keine Ausrede gibt. Du musst sie daran erinnern, wie sehr das wehtut, und dass es ist, als würde man dich treten, wenn Du schon am Boden liegst. Du hast nicht darum gebettelt, Trich zu haben. So schwer es auch für andere ist, die mit dir zusammenleben, es ist einfach nicht Deine Schuld. Du kannst Deinen Eltern sagen, dass Du Dein Bestes tust. Du kannst ihnen auch nahelegen, sich mal Seiten wie diese hier anzusehen. So können sie besser reagieren und wissen, was sie tun müssen, und außerdem sehen sie, dass Du nicht allein bist.

Anm. der Red.: Dieser Artikel wurde ursprünglich allgemein für Zwangsstörungen geschrieben, ich habe ihn auf TTM gemünzt, da er hier genauso gut passt!

Ein Artikel von Fred Penzel, Ph.D., Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors

Fred Penzel, Ph.D. ist ein lizensierter Psychologe, der sich seit 1982 für die Behandlung von TTM, Zwängen und verwandten Störungen einsetzt. Er ist Geschäftsführer der Western Suffolk Psychological Services in Huntington, New York, und schreibt regelmäßig für die TLC-Zeitschrift In Touch. Er sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Trichotillomania Learning Centers und der Obsessive-Compulsive Foundation. Sie erreichen ihn per Email unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .

Mehr von Fred Penzel Ph.D. zu Trichotillomanie und Zwänge können Sie in seinem Buch Obsessive-Compulsive Disorders: A Complete Guide to Getting Well and Staying Well erfahren.

Englische Bücher über Trichotillomanie

Zuletzt geändert am: Sonntag, den 28. August 2011 um 22:34 Uhr

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