Samstag, den 20. August 2011 um 12:10 Uhr

Ein kleiner Rat für Lebenspartner von Betroffenen der Trichotillomanie

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Ein häufiges Problem von Trichotillomanie-Betroffenen (aber auch von anderen Zwangserkrankten) ist die Einstellung und das Verhalten ihrer Lebenspartner, also Ehegatten, Freunde oder Freundinnen. Ihr Lebenspartner könnt auf dem Weg zur Heilung eine große Hilfe und Unterstützung sein, oder Ihr könnt sehr große Hindernisse schaffen. Der Versuch der Heilung von Trichotillomanie ist schon schwierig genug, und wenn noch Beziehungsprobleme dazu kommen, macht es das Ganze um einiges schwieriger. Betrachten wir zunächst einige der Wege, wie Lebenspartner eine Quelle von Schwierigkeiten sein können. Danach schauen wir uns an, wie diese stattdessen helfen könnten.

Die wahrscheinlich größte Ursache für Ärger in jeder Beziehung ist der Wille eines Partners, den anderen zu ändern. Die erfolgreichsten Beziehungen basieren auf bedingungsloser Akzeptanz. Das ist nötig, weil alle menschlichen Wesen natürlicherweise nicht perfekt sind, also muss der eine den anderen, wie er ist, mit allen Schwächen und Stärken akzeptieren, wenn sie miteinander klarkommen wollen. Es ist wichtig zu verstehen, dass Akzeptieren nicht unbedingt Mögen bedeutet. Es heißt nur, dass man anerkennt, dass diese Dinge existieren. Gewiss gibt es bei jedem von uns Dinge, die man am anderen ändern will. Aber wir lernen, mit ihnen zu leben, denn

  1. es liegt nicht in unserer Macht, diese Veränderungen durchzusetzen und
  2. wir hoffen, dass der andere auch unsere Probleme, Schwächen und Unzulänglichkeiten akzeptiert.

Jemanden wirklich zu lieben bedeutet nicht etwa, nur das Bild eines perfekten Partners zu lieben, in den man den anderen gerne verwandeln würde. Diese ideale Person existiert nicht und wird es auch nie. Dein Partner ist ein gewöhnlicher, fehlbarer, fehlermachender Mensch, genau wie Du. Dich selbst hinzustellen und ihn zu verurteilen, als ob Du Dich selbst als eine Art überlegene Person verstehst, ist wie die egoistische Vorstellung, dass Du irgendwie gottähnlich wärst und völlig ohne Fehler.

Die Unterstützung des Partners ist sehr wichtigWirf diesen Entwurf des idealen Partners weg! Trich ist Teil des Lebens Deines Partners. Sie haben es, und es ist chronisch, etwas, das sie herumtragen mit sich selbst. Es wird nicht einfach weggehen, bloß weil Du es nicht magst. Es gibt viele Dinge im Leben, die wir nicht mögen, und die es trotzdem gibt. Um eine Beziehung mit dieser Person zu haben, musst Du akzeptieren, dass das im Gesamtpaket enthalten ist. Dein Partner kann vielleicht versuchen, das Verhalten zu ändern oder auch nicht. Am Ende ist es deren Entscheidung. Die einzigen, die es ändern können, sind sie. Auf jeden Fall kannst Du es nicht ändern - Punkt.

Bitte versteh mich nicht falsch. Jeder mit Trich würde es gerne loswerden, aber nicht jeder ist bereit dazu zu jeder Zeit, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Zum Beispiel kann es sein, dass es dort, wo sie leben, einfach keine richtige Hilfe gibt. Hör auf zu kritisieren. Leute mit Trich fühlen sich schon schlecht genug auch ohne dies, und ihr Selbstbild ist normalerweise sehr negativ. Ich habe immer wieder gehört, wie Betroffene von sich selbst als "Freaks" oder "Spinner" sprachen. Stell Dir vor, Du müsstest anderen Leuten erzählen, dass Du Dir selbst große Teile Deiner Haare ausrupfst, weil es sich gut anfühlt. Es ist außerdem wichtig zu verstehen, dass einer der Gründe für das Haarereißen offenbar die Beruhigung des Nervensystems ist. Wenn Du beleidigst, drohst, kritisierst, wird der Stress, der dadurch erzeugt wird, sich nur in noch mehr Haareausreißen entladen, weil sie versuchen, sich damit zu beruhigen.

Betrachte es doch mal so: Dies ist die Person, die Du liebst und mit der Du Dein Leben verbringen möchtest. Soweit wir wissen, ist das Problem ein biologisches und wahrscheinlich sogar genetisch. Es ist nicht einfach eine schlechte Angewohnheit oder ein Laster. Man darf nicht das Ausreißen der eigenen Haare mit einer absichtlichen Handlung verwechseln. Man darf Betroffene nicht dafür tadeln. Es stimmt, dass sie dafür verantwortlich sind, sich selbst zu helfen. Aber wie kannst Du rechtfertigen, dass Du ihnen ein schlechtes Gefühl gibst? Und was denkst Du, was das bringen wird? Es stimmt, dass sie dafür verantwortlich sind, sich selbst zu helfen. Aber wie kannst Du rechtfertigen, dass Du ihnen ein schlechtes Gefühl gibst? Und was denkst Du, was das bringen wird?Was wäre, wenn es etwas anderes an ihrem Aussehen gäbe, an dem sie nicht schuld sind, wie nach einem Unfall? Würdest Du Dich auch dann weigern, mit ihnen in der Öffentlichkeit gesehen zu werden?

Es könnte helfen, sich mal die Gründe für die Schwierigkeiten mit dem Partner anzusehen und sich dabei mal selbst genau unter die Lupe zu nehmen. Frage Dich Folgendes: Könnte es sein, dass Du, statt mit Deinem Partner zu fühlen, Dich nur fragst, was andere vielleicht von Dir denken könnten, auf eine ganz ich-bezogene Weise? Machst Du Dir vielleicht Sorgen, dass Du als verantwortlich angesehen wirst, oder dass Du durch diese Verbindung zu dieser Person auch irgendwie abnormal wirken könntest? Hast Du das Gefühl, dass diese Person, die Du seit Jahren kennst, sich durch diese Sache in jemanden verwandelt hat, den Du nicht kennst, und den Du nicht länger tolerieren kannst? Sind die Haare alles, was diese Person ausmacht, und liebst Du nur ihr Aussehen?

Selbst, wenn Du das Reißen akzeptierst, und Dein Partner aktiv daran arbeitet, mehr Selbstkontrolle zu erlangen, ist es nicht Deine Verantwortung, dass er oder sie erfolgreich ist. Sich von Trich zu heilen, ist harte Arbeit, erfordert große Mühe und kann eine schwere Aufgabe sein. Es ist ein wirklich hartnäckiges Problem. Wenn Du nicht gerade ein wirklich schweres Problem noch schwieriger machen möchtest, nörgle nicht dauernd herum. Bestraf Betroffene nicht mit Deiner Wut, Deinem Schweigen, oder Deiner Abwesenheit in Zeiten von Rückfällen. Benutze bloß keine Schuldgefühle, mit solchen Kommentaren wie "Unsere Beziehung wäre toll, wenn Du nicht dieses Haareausreißen hättest" oder "Wenn Du mich wirklich lieben würdest, würdest Du aufhören." Einer meiner Lieblingssprüche ist der eines Gatten, der meinte "Ich habe mit dem Rauchen aufgehört. Wieso kannst Du nicht auch aufhören?" Eine meiner Patienten sagte ihrem Partner, "Denkst Du nicht, dass ich gerne aufhören würde, und dass ich es hasse, eine Glatze zu haben? Denkst Du wirklich, dass ich es gut finde, ohne Haare durch die Gegend zu laufen, mit dem Wissen, dass ich mir das selbst angetan habe, ohne es anderen Menschen mal erklären zu können, was mit mir passiert ist?"

Vermeide es, auf kindische Weise Sarkasmus und Beschimpfungen zu benutzen. Es ist eine völlig unangemessene Art für einen Erwachsenen, einen anderen erwachsenen Menschen so zu behandeln. Und als eine Methode, jemanden zur positiven Veränderung seiner selbst anzuspornen, ist es nicht nur fies, sondern auch völlig nutzlos. Schließlich sollte man auch nicht damit drohen, denjenigen zu verlassen. Wenn Du wirklich das Gefühl hast, dass es für Dich keinen Weg gibt, Trich zu akzeptieren oder zu verstehen, und Du Deine Frustration nicht unter Kontrolle hast, dann geh. Es ist wahrscheinlich auf lange Sicht besser so.

Die zweitgrößte Quelle von Beziehungsproblemen ist, wenn der Partner zwar unterstützend wirkt, aber dann irgendwie direkt verantwortlich wird für die Kontrolle des Verhaltens. Du kannst nicht mehr Verbesserung wollen als der Betroffene selbst. Wenn sie es selbst nicht können, hilft alles nichts. Sie lernen nicht, wenn Du versuchst, es für sie zu tun. Selbst, wenn Du sie jedes Mal erfolgreich vom Reißen abhalten konntest, wenn Du die Person erwischst, was würde passieren, wenn Du mal nicht da bist? Außerdem, wenn Du alle Verantwortung auf Dich lädst, nimmst Du ihnen die Chance, sie selbst zu tragen. Also werden sie es nie tun. Du kannst Deinen Partner nicht 24 Stunden am Tag überwachen. Wenn Dein Partner Dich bittet, die Verantwortung für seine Trichotillomanie zu übernehmen, weil er/sie meint, das nicht selbst zu können, gib der Versuchung nicht nach. Du tust der Person einen größeren Gefallen, indem Du ihr erlaubst, selbst verantwortlich zu sein. Versuch nicht dauernd die Aufmerksamkeit auf das Reißen zu lenken. Verschwende Deine Zeit nicht mit Pfeifen, Schnipsen, Winken oder anderen Signalen, wenn Du sie beim Reißen erwischst. Widerstehe dem Drang, die Hand festzuhalten. Unterdrück den Impuls, laut aufzuschreien oder zu rufen. Sich selbst die Aufmerksamkeit beizubringen, auf das Reißen zu achten und dann auch damit aufzuhören, ist harte Arbeit; selbst wenn man hochmotiviert ist. Wenn Dein Partner nicht motiviert ist, sei Dir sicher, dass nichts, was Du tust, auch nur irgendetwas verändern könnte.

Nachdem all dies gesagt wurde, wie kannst Du tatsächlich helfen? Die Antwort liegt in den vorherigen Ausführungen. Als erstes, akzeptiere, dass das Problem existiert, und dass es nicht die Schuld des Betroffenen ist, dass er oder sie es hat. Zweitens, versteh, dass es nicht Deine Verantwortung ist, dass der Betroffene gesund wird. Das ist einzig und allein dessen Verantwortung. Halte Dich raus und gib demjenigen Zeit und Raum, um das zu tun, was er oder sie tun muss. Sorge dafür, dass derjenige weniger Stress hat. Biete Deine bedingungslose Unterstützung bei den Bemühungen an und sei Dir immer bewusst, wie schwierig es sein muss, mit diesem Problem zu leben und es jeden Tag zu bekämpfenBiete Deine bedingungslose Unterstützung bei den Bemühungen an und sei Dir immer bewusst, wie schwierig es sein muss, mit diesem Problem zu leben und es jeden Tag zu bekämpfen.. Akzeptiere die Misserfolge, Rückfälle und schlechten Tage. Es wird enttäuschende Zeiten geben, wenn nach Wochen der ganze neue Haarwuchs in einer Episode ausgerupft wird. Das ist nichts Ungewöhnliches, und man sollte dies einfach als eines der vielen Schlaglöcher auf dem Weg zur Heilung ansehen. Betroffene können sich zeitweise sehr entmutigt fühlen und glauben, dass sie es nicht schaffen können. Dein Glaube kann sehr weit tragen. Wenn ein paar aufmunternde Worte angemessen erscheinen, sprich sie aus. Aber sei vorsichtig, es nicht zu übertreiben.

Paare erleben viele Hindernisse in ihrem gemeinsamen Leben. Dies ist nur ein weiteres. Ob wir es mögen oder nicht, wir sind gezwungen, sie zu akzeptieren. Das Leben ist nicht wie ein Kartenspiel, in dem man die Karten hinwerfen und um neue bitten kann. Bedenke, dass es Euer beider Mühen und Anstrengungen bedarf, um gegen das Problem anzugehen, nicht gegeneinander.

Ein Artikel von Fred Penzel, Ph.D., Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors

Fred Penzel, Ph.D. ist ein lizensierter Psychologe, der sich seit 1982 für die Behandlung von TTM, Zwängen und verwandten Störungen einsetzt. Er ist Geschäftsführer der Western Suffolk Psychological Services in Huntington, New York, und schreibt regelmäßig für die TLC-Zeitschrift In Touch. Er sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Trichotillomania Learning Centers und der Obsessive-Compulsive Foundation. Sie erreichen ihn per Email unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .

Mehr von Fred Penzel Ph.D. zu Trichotillomanie und Zwänge können Sie in seinem Buch Obsessive-Compulsive Disorders: A Complete Guide to Getting Well and Staying Well erfahren.

Englische Bücher über Trichotillomanie

 

 

 

 

Zuletzt geändert am: Montag, den 05. September 2011 um 20:35 Uhr

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