Sonntag, den 21. August 2011 um 20:40 Uhr

Wessen Haare sind es denn überhaupt?

Bewerten Sie diesen Artikel
(0 Bewertungen)

Ein Artikel zum Umgang mit therapieunwilligen Kindern und Jugendlichen von Fred Penzel

Fall 1: "Mrs. R---," fing ich an,"Ihre Tochter Marcie (9 Jahre alt) macht einfach nicht die Fortschritte in ihrer Therapie, die wir uns erhofft hatten. Sie hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht, und es scheint einfach, als ob sie nicht wirklich bei der Sache ist. Ich denke, sie macht einfach nur mit, weil sie nicht möchte, dass Sie sauer auf sie sind. Es sieht nicht so aus, als ob dies momentan so wichtig für sie ist. Ich denke, das Beste wird sein, wir machen eine Pause." Marcies Mutter willigte ein. "Jedes Mal, wenn ich sie frage, sagt sie, dass sie nicht gerissen hat. Aber ich habe sie schon ein paar Male dabei gesehen. Wenn ich sie darauf anspreche, leugnet sie alles, aber ich sehe ganz genau, dass keine Haare nachwachsen."

Fall 2: "Meine 14 Jahre alte Tochter reißt sich ihre Haare aus", sagte die Frau am anderen Ende der Leitung. "Ich möchte sie in eine Behandlung schicken, aber sie scheint sich nicht dafür zu interessieren. Teile ihrer Haare oben auf dem Kopf fehlen, und auch ihre Wimpern, aber wenn ich mit ihr darüber reden will, das sie mal jemanden deswegen sieht, sagt sie mir, dass es nicht wirklich wichtig ist und dass es ihr egal ist. Sie sagt, es ist bloß eine Angewohnheit, dass es nicht so schlimm ist, und dass sie es eigentlich sogar kontrollieren kann. Wenn ich etwas hartnäckiger werde, wird sie nur wütend und stürmt aus dem Zimmer. Gibt es einen Weg, wie ich sie dazu bringen kann, sich darum endlich zu kümmern? Ist es ihr denn völlig egal, wie sie aussieht?"

Diese zwei Szenarien sind typisch für Kinder, die noch nicht bereit sind, für ihre Heilung von Trichotillomanie zu arbeiten. Ich habe schon mehrere Situationen wie diese in den vergangenen Jahren erlebt. Der erste Fall beschreibt ein Kind, das einfach noch zu jung ist, und das zweite Szenario zeigt eine pubertierende Jugendliche, die noch nicht realisiert hat, dass sie ein Problem hat. Einer meiner alten Uniprofessoren meinte einmal: "Du kannst das Meiste in der Kinderpsychologie mit einem Wort zusammenfassen: Bereitschaft." Keines dieser Kinder war bereit. "Du kannst das Meiste in der Kinderpsychologie mit einem Wort zusammenfassen: Bereitschaft."

Es gibt eine gewisse Prozentzahl von Kindern, die ihre Kopfhaare, Augenbrauen oder Wimpern ausreißen und denen es anscheinend egal ist. Wenn man sie fragt, geben sie zu, dass sie sich die Haare ausgerissen haben und dass es nicht schön aussieht. Was sie aber nicht aufweisen, ist Sorge oder Besorgnis ob dieser Tatsache. Das kann Eltern sehr leicht stutzig machen, die sich dann fragen "Wieso ist es meinem Kind egal? Kann mein Kind nicht erkennen, wie schlimm es damit aussieht?" Eltern machen sich darüberhinaus auch Sorgen darüber, ob das Kind womöglich gehänselt oder ausgegrenzt werden könnte, weil es "anders" ist und deswegen als eine Art "Freak" angesehen werden könnte.

Die Antworten auf diese Fragen sind kein Geheimnis. Heranwachsende scheinen oft eher unbesorgt zu sein in Bezug auf ihr Äußeres, selbst wenn Augenbrauen fehlen, Wimpern nicht mehr da sind oder ganze Stellen am Kopf kahl sind. Wenn das passiert, liegt es häufig daran, dass diese Kinder einen Mangel an sozialer Reife und Bewusstsein aufweisen. Sie sind sich noch nicht über ihr Aussehen bewusst und kennen das Konzept des "sich Einpassens" in eine Gesellschaft noch nicht. So lange ihr Verhalten sich nicht direkt auf Schule oder Freizeit auswirkt, ist es nicht wichtig für sie. Ihre Spielkameraden sind sich dieser Dinge vielleicht auch noch nicht bewusst, oder sie nehmen zwar Notiz davon, aber kümmern sich nicht weiter darum. Wenn jüngere Kinder sich auf eine extreme Weise um ihren Haarverlust sorgen, liegt das meist daran, dass sie frühreif sind oder dass sie die Sorge ihrer Eltern spiegeln. Das heißt, sie regen sich auf, weil ihre Eltern sich darüber aufregen, und nicht, weil sie sich tatsächlich selbst darüber aufregen.

Wenn jüngere Kinder in meine Praxis gebracht werden, wie in meinem ersten Beispiel, sind sie meist eher unmotiviert und desinteressiert. Ihre Reaktion ist, dass ihre Zeit besser damit verbracht wäre zu spielen, fernzusehen oder ihre Hausaufgaben zu erledigen. Sich hierüber aufzuregen oder wütend zu werden ist einfach sinnlos. Das Verhalten eines Kindes auf diese Weise beeinflussen zu wollen, wird nur mehr Stress erzeugen; und einer der Gründe für das Reißen ist natürlich, um Stress abzubauen. Ein Kind könnte auf eine solche Wut auch so reagieren, dass es noch heimlichtuerischer wird, dass es das Reißen leugnet oder sogar mit noch mehr Reißen reagiert, um seiner Wut und Frustration Ausdruck zu verleihen, die das Verhalten seiner Eltern bei ihm erzeugt. Du würdest nicht sauer auf ein kleines Kind sein, dass noch nicht bereit wäre, trocken zu werden ohne seine Windeln (jedenfalls hoffe ich das sehr!). Kinder tun Dinge, wenn sie bereit dafür sind, nicht wenn wir bereit sind, dass sie sie tun. Kinder tun Dinge, wenn sie bereit dafür sind, nicht wenn wir bereit sind, dass sie sie tun. Selbst wenn sie bereit sind, müssen sie nicht das wollen, was wir wollen. Ein Elternteil mag das vielleicht nicht gut finden, aber sie werden dies wohl akzeptieren müssen als etwas, über das sie keine Kontrolle haben.

Wenn Eltern wirklich helfen und widersprüchliche Situationen vermeiden wollen, müssen sie lernen, wie sie mit ihren Gefühlen in diesen Situationen umgehen. Manchmal lautet die Botschaft, die kommuniziert wird, nicht "Ich mag Dein Verhalten nicht", sondern "Ich mag Dich nicht so sehr wie früher wegen Deines Aussehens." Mehr als alles andere wollen Kinder unsere bedingungslose Liebe. Wenn sie spüren, dass sie das nicht bekommen können, reagieren sie wütend, und versuchen uns dazu zu kriegen, uns zu ändern. Das Ergebnis kann ein vermehrtes Haareausreißen sein, nur, um eine Botschaft zu senden. Es gibt Dinge, die unsere Kinder tun, die wir einfach nicht kontrollieren können. Und was bestimmte Dinge angeht, haben sie einfach die Trumpfkarte.

Natürlich möchte niemand, dass sein Kind anders ist oder anders aussieht oder sich anders verhält als andere Kinder. Du musst es nicht mal mögen. Akzeptanz beudetet nicht, dass man etwas mag. Es bedeutet lediglich, dass man die Realität einer Sache anerkennt sowie das, was man dagegen tun kann. Etwas akzeptieren ist nicht etwas, das man sofort auf einmal schafft. Es ist etwas, an dem man tagtäglich arbeiten muss. Es kann helfen, die Dinge etwas ins rechte Licht zu rücken. Dies ist das Kind, dass Du liebst, mit oder ohne Haare. Er oder sie ist immer noch, wer sie vor dem Reißen waren, und sie haben auch immer noch Gefühle. Dies ist das Kind, dass Du liebst, mit oder ohne Haare. Er oder sie ist immer noch, wer sie vor dem Reißen waren, und sie haben auch immer noch Gefühle.Es gibt sehr viele schlimmere Dinge, die Deinem Kind passieren könnten, viele davon nicht mal behandelbar. Dieses Problem zu haben macht sie nicht zu einem geringeren Menschen, und es ist etwas, von dem sie sich erholen können, selbst wenn es nicht jetzt gleich ist.

Im Fall unseres Teenagers in Fall 2 ist es nicht ungewöhnlich für jemanden in diesem Alter, nicht zugeben zu wollen, dass solch ein Problem existiert, obwohl es ihnen völlig klar ist. Anders als vorpubertäre Kinder sind viele Teenager sehr gehemmt und oftmals überempfindlich, was ihr Äußeres angeht. Sie versuchen noch herauszubekommen, wer sie selbst sind. Sie neigen die meiste Zeit dazu, sich selbst wie unter einem Mikroskop zu betrachten. Die trotzige und wütende Leugnung eines Problems wie in diesem Fall ist zwar zugegebenermaßen keine ideale Art, mit einem Problem umzugehen, aber für jemanden, der noch nicht reif ist (selbst mit einem ausgewachsenen Körper) ist es vielleicht die einzige Möglichkeit, sich ein positives Selbstbild zu bewahren. Je härter ein Elternteil drängt, desto wütender kann die Reaktion des Teenagers werden. Die Stärke des Reißens kann dabei genauso zunehmen wie der Grad der Leugnung.

Was also können Eltern und Therapeuten tun, wenn das Kind oder der Teenager desinteressiert und unmotiviert scheinen? Als Therapeut springe ich nicht sofort mit dem Patienten ins kalte Wasser. Ich halte es gerne so, dass ich zunächst sehr sorgfältig alle Symptome aufnehme, die Situation, die Person, und was die Person in die Therapie mitbringt und was nicht. Ich bin dabei sehr vorsichtig in der ersten Sitzung, herauszubekommen, wessen Idee es war, in die Therapie zu kommen. Normalerweise frage ich so etwas wie, "Wessen Idee war es, heute hierher zu kommen?" Dann folgt die Frage "Willst du denn wirklich hier sein?" Wenn ich jemanden vor mir sitzen habe, der nicht besonders motiviert oder enthusiastisch wirkt, und der lieber nicht hier wäre, gibt es einen Grundsatz, den ich mir über die Jahre angeeignet habe. Dieser Grundsatz wird angewendet, egal ob derjenige zum ersten Mal da ist, oder zum zehnten Mal. Meine Philosophie ist, dass man selbst nicht mehr Fortschritte wollen kann als der Betroffene selbst. Ich würde lieber jemanden gehen lassen, wenn er anschließend mit einem guten Gefühl aus der Therapie geht, als dass ich alles im Zusammehang mit der Therapie mit einem negativen Beigeschmack versehe. Wenn wir das erreicht haben, haben wir sogar so schon etwas ganz Wichtiges geschafft.

Viele Kinder brauchen mehr ZeitIch sage desinteressierten oder unwilligen Kindern und Heranwachsenden: "Es ist wirklich ok, wenn du das jetzt nicht machen willst. Ich möchte nicht, dass du dich so unwohl fühlst, dass du lieber die Unwahrheit sagst oder Ausreden suchst, nur um nicht herkommen zu müssen. Ich möchte erst mit dir arbeiten, wenn das wirklich das ist, was du auch selbst möchtest. Ich bin nicht sauer auf Dich, und ich schätze es sogar, dass Du ehrlich mit mir bist. Vielleicht möchtest Du irgendwann in Zukunft etwas dagegen machen, und wenn ja, werde ich immer froh sein, mit dir zu arbeiten. Also wieso machen wir nicht eine Pause. Du kannst heimgehen und darüber nachdenken, was Du gerne möchtest. Hier ist meine Karte. Du kannst sie behalten oder sie Deinen Eltern geben. Alles, was Du tun musst, ist mich anzurufen oder Deine Eltern anrufen zu lassen, wenn Du zurückkommen willst. Selbst wenn das in einem Jahr ist, werde ich immer noch froh sein, dass Du zurückkommst." Außerdem sage ich ihnen, "Mach Dir keine Sorgen, was Deine Eltern sagen werden. Ich werde mit ihnen sprechen und ihnen die Sache erklären. Ich werde ihnen sagen, dass sie es Dir überlassen sollen, und dass sie darauf vertrauen sollen, dass Du schon wissen wirst, wann der richtige Zeitpunkt da ist. Ich werde sie bitten, Dich nicht auf Deine Haare anzusprechen, bis Du selbst darüber sprechen möchtest."

Auf diese Art trennen wir uns auf eine positive Weise, ohne dass wir uns auf einen Willenskampf einlassen, den weder die Eltern noch ich je gewinnen könnten. Wir haben die Tür offen gelassen, und haben die Verantwortung und das Gefühl der Kontrolle in die Hände derjenigen Person gelegt, die das Problem hat. Ich hatte schon einige Kinder, die nach dem Verlassen der Therapie nach einigen Jahren zurückkamen und an dem Problem erfolgreich gearbeitet haben.

Ich glaube fest daran, dass man die Entwicklung von Verantwortlichkeit in einer Therapie bei Kindern und Erwachsenen ermutigen sollte. Der bekannte Psychologe Rollo May sagte einmal "Menschen ändern sich nur, wenn es zu gefährlich wird so zu bleiben, wie sie sind." Nur der Betroffene selbst kann sagen, wann dieser Punkt erreicht ist. Einmal angekommen, müssen sie tun, was sie tun müssen. Selbst wenn wir das Kind oder den Teenager dazu bekommen könnten, ohne große Lust dem Therapieschema zu folgen, werden sie am Ende nichts gelernt haben. Sobald sie aus dem Sichtbereich ihrer Eltern sind, wird alles wieder von vorne losgehen. Mein Rat an Eltern ist, dass es manchmal richtig ist, nichts zu tun. Nörgel nicht, setze nicht unter Druck, ärgere nicht, kritisiere nicht, drohe nicht, schrei nicht und bestrafe Dein Kind nicht, nur weil es keine Behandlung möchte. Das Kind zu bedrohen oder bestimmte Rechte zu entziehen wird nur in noch mehr Widerstand enden, und damit in mehr Reißen. Am Ende wird das gesamte Thema Haareausreißen nicht mehr diskutierbar sein. Wenn Dein Kind letzten Endes zu Dir kommt und sagt "Mama und Papa, ich brauche Hilfe", sind sie endlich da angekommen, wo du sie haben willst. Sie sind bereit. Etwas Positives kann jetzt geschehen.

Wessen Haar ist es denn überhaupt?

Ein Artikel von Fred Penzel, Ph.D., Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Autors

Fred Penzel, Ph.D. ist ein lizensierter Psychologe, der sich seit 1982 für die Behandlung von TTM, Zwängen und verwandten Störungen einsetzt. Er ist Geschäftsführer der Western Suffolk Psychological Services in Huntington, New York, und schreibt regelmäßig für die TLC-Zeitschrift In Touch. Er sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Trichotillomania Learning Centers und der Obsessive-Compulsive Foundation. Sie erreichen ihn per Email unter Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. .

Mehr von Fred Penzel Ph.D. können Sie in seinem Buch Obsessive-Compulsive Disorders: A Complete Guide to Getting Well and Staying Well erfahren.

Englische Bücher über Trichotillomanie

 

 

 

Zuletzt geändert am: Montag, den 29. August 2011 um 17:01 Uhr

Einen Kommentar hinterlassen

Bitte die mit (*) markierten Felder ausfüllen. Basic HTML ist erlaubt.

Spenden

Hat dir der Artikel geholfen? Möchtest du etwas zurückgeben? Wir sind für jede Hilfe dankbar :)

Empfohlene Literatur